“R8 – The Emu-Galaxy”

Der Ferienbeginn hat viel Gutes, vor allem, dass die Straßen frei sind. Man kommt in Windeseile durch, ich für meinen Teil spare auf meinen etwa 10 Kilometern zur Arbeit schon mal 2 – 3 Minuten ein, nur leider werde ich bei so freien Straßen auch gerne leichtsinnig. So fuhr ich heute früh den Wagen warm, glitt bis zum Erreichen der erforderlichen 90 Grad gemütlich dahin und gab noch 5 Minuten drauf, damit auch das Öl seine Temperatur bekam. Ein roter Sportwagen begleitete mich auf meiner Fahrt, bis er irgendwann überholte, und – man mag dies als Charakterschwäche bezeichnen – ich Lust bekam, die Herausforderung anzunehmen.
Erst an einer Rechts-vor-Links-Kreuzung drängte ein anderer Wagen sich zwischen uns. Der trödelte mit einer so nervenaufreibenden Langsamkeit auf die kommende Ampel zu, dass diese umschaltete und mich von dem Sportwagen trennte.
Einmal angestachelt bin ich – Vernunft hin oder her – zu fast jedem Spaß bereit. Stört man mich dann, so ärgert mich das, und wenn es eine Möglichkeit gibt, trotz Störung den Spaß fortzusetzen, dann ergreife ich sie. 60 Sekunden Wartezeit erschienen mir nicht als zu lang, um den Roten wieder einzuholen.
Die Ampel führt auf eine 4-spurige Straße. 223 PS waren bereit, ihre Kraft zu entfalten. Ich gab Gas.
Bei 75 hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das ist etwa die Geschwindigkeit, ab der man einen Monat lang zu Fuß geht. Bei 100 hatte ich das mulmige Gefühl wieder abgelegt. Das ist die Geschwindigkeit, die ausreichen dürfte, um längere Zeit die Öffentlichen benutzen zu müssen. Schließlich hatte ich aufgeholt, bremste ab und lächelte meiner Herausforderung augenzwinkernd zu. Plötzlich erkannte ich auf der Straße einen Scheinwerferkegel, dessen Quelle sich über mir befinden musste. Ich schaute hinauf, konnte aber nichts erkennen. Der Fahrer des roten Sportwagens machte eine kreisende Handbewegung. Mit einem Mal sah ich Kufen vor mir, bremste zaghaft ab und blieb schließlich stehen, als ein Polizeihelikopter vor mir landete. Zwei Herren mit Helmen stiegen aus und kamen auf mich zu. Ich muss wohl nicht beschreiben, wie schlecht man sich in so einem Moment fühlt. Ich wurde aufgefordert, das Fenster herunterzulassen. Einer der Herren zog seinen Helm ab und grüßte mich mit: “Guten Morgen, Frau Winkelhock”, während der andere mein Kennzeichen über den Sprechfunk durchgab.
Ich lächelte verlegen.
“100 Kaemha innerorts”, konstatierte mein Gesprächspartner. “Ziemlich progressiver Fahrstil.”
“Höchstens 70?, versuchte ich, aus dieser Nummer herauszukommen, “Echt jetzt.”
Noch ehe der Polizist etwas sagen konnte, trat sein Kollege neben ihn und flüsterte ihm etwas zu. Da begann er, breit zu grinsen. “Glückwunsch, meine Liebe. Das scheint ja heute wirklich Ihr Tag zu sein.” Er öffnete meine Autotür. “Wenn Sie bitte aussteigen würden?”
Mit zitternden Beinen verließ ich meinen Wagen.
Ich wurde zum Hubschrauber gebracht. “Bitteschön”, sagte der Polizist und zeigte auf den linken hinteren Sitz.
Ich nahm Platz. Die beiden Polizisten auch. Sie schnallten sich an, der Polizist, der mit mir gesprochen hatte, setzte seinen Helm wieder auf, die Türen wurden geschlossen. Wie eine Aufnahme meiner Personalien sah das nicht aus. Also schnallte auch ich mich an. Schon hob der Helikopter ab.
Wir flogen über die Stadt Richtung Nordost, dann Richtung Schwäbische Alb. Ich sah Städte und Dörfer unter mir auftauchen und wieder verschwinden. Es ist unglaublich schwer, von oben zu erkennen, wo man sich gerade befindet. Nach knapp 2 Stunden setzte der Hubschrauber in der Nähe einer größeren Stadt auf einem brachliegenden Feld auf. Erst jetzt drehten sich die beiden Polizisten wieder um. “Geht es Ihnen gut?”
Ich nickte.
“Wunderbar, dann können Sie sich jetzt abschnallen.”
Sie halfen mir aus dem Hubschrauber.
Die beiden zogen ihre Helme aus, öffneten die Reisverschlüsse ihrer Kombis, und ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass sie darunter T-Shirts trugen, auf deren linker Brustseite vier unscheinbare silberne Ringe aufgestickt waren. Sie bedeuteten mir mitzukommen und wir gingen zu einem Waldstück.
Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich hatte keine Ahnung, was die beiden im Sinn hatten, aber wegzulaufen schien mir unmöglich. Ich kann zwar schnell fahren, bin aber ein sportlicher Totalausfall, und sie hätten mich schon nach wenigen Metern eingeholt gehabt.
Gleich hinter dem Waldrand erreichten wir eine Falltür und stiegen einen dunklen, schmalen Schacht hinab. Es ging etwa 20 Meter in die Tiefe. Eine schwere Stahltür, ähnlich wie auf einem Schiff, versperrte uns den Weg. Einer der Männer öffnete sie. Dahinter lag eine hell beleuchtete, gewaltige Halle. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen.
Vor mir stand – mit laufendem Motor – ein Traum in Silber. Ich flüsterte ehrfürchtig: “Ist das ein LMS?”
“5,2-Liter V10-Saugmotor. 370 kw”, hob der Mann, der mit mir sprach, auffordernd die Brauen.
Ungläubig näherte ich mich dem Wagen. Ich streichelte seine wundervoll geschwungenen Kotflügel, sah ihm in die leuchtenden Scheinwerferaugen, und das Auto raunte: “Steig ein.”
Die beiden Männer nickten lächelnd.
Ich öffnete die Fahrertür und ließ mich in den schwarzen Ledersitz sinken, jeden Augenblick in mich aufsaugend, nie mehr wollte ich diese Momente vergessen. Dann legte ich den ersten Gang ein, gab ein wenig Gas und wir rollten langsam los. Die beiden Männer hoben die Daumen hoch.
Die Halle war einige hundert Meter lang und breit genug, um ein paar schöne Runden zu drehen. Ich gab Gas, schaltete in den zweiten Gang, dann in den dritten, den vierten, fünften … Plötzlich tat sich die Halle vor mir auf, eine hell funkelnde Straße formte sich aus dem Nichts, ich beschleunigte, es drückte mich in den Sitz, der Motor röhrte so schön, dass ich vor Glück fast weinte, der Heckantrieb schob uns mit atemberaubender Geschwindigkeit die ansteigende Traumstraße empor und ich hatte das Gefühl zu fliegen.
Augenblicke später entdeckten Astronomen weltweit einen neuen Sternenhaufen am Nordhimmel “Looks like an Audi R8?, meinte ein Astronom im Kontrollgebäude des VLT. “Yes, with an Emu riding it”, schmunzelte sein Kollege.
Und sie nannten ihn “R8 – The Emu-Galaxy”.

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