Spektralgesänge

Es stank nach verbranntem Kunststoff. Gelegentlich drang ein frequentes Summen aus der Steuerkonsole. Kammo sah mich an wie im Rausch. Die Pupillen vom anstrengenden Suchen nach Bewegungen im All weit geöffnet, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und sagte überzeugt: „Die werden uns so schnell nicht wieder angreifen.“
Ich warf einen Blick auf Radar und EDM-Gravimeter. Außer unseren eigenen Schiffen zeigten sie nichts an. Sollten da draußen noch Krond sein, so waren es zu wenige, um vom EDM erfasst zu werden. Wir hatten wirklich gründlich aufgeräumt.
Der Kampf hatte Kammo alles abverlangt. Kaum merklich zitternd fingerte er eine Zigarette aus der Innentasche seiner Uniformjacke. Er zündete sie an den Flammen an, die rußend aus der Konsole züngelten. Anschließend zog er die Jacke aus und ersticke das Feuer damit, zerknüllte sie und warf sie neben sich auf den Boden. Er sah zu mir herüber. Seine wasserblauen Augen musterten mich kritisch. „Wie geht es dir?“
„Ich spüre nichts“, antwortete ich.
„Das ist das Mydrox. Du würdest es nicht spüren, wenn dir die Explosion deinen verdammten Arm abgerissen hätte. Jetzt weißt du, warum sie uns das Zeug vor jedem Einsatz spritzen. Man wird blitzwach davon und fühlt keinerlei Schmerzen. Hab schon Piloten gesehen, die brennend im Cockpit saßen und weiterkämpften, weil sie nicht wahrnahmen, dass ihnen der Sitz unterm Arsch abfackelte.“
Kammo zog an seiner Zigarette. Er hatte stets nur eine dabei. ‘Diese oder keine mehr’, kritzelte er vor jedem Flug auf die weiße Papierhülle. So machte er es seit fast fünfzehn Jahren. Er war der erfahrenste Pilot des Geschwaders. Niemand flog die Wespen so wie er.
Betrunken behauptete er oft, an der Konstruktion ihres Prototyps mitgewirkt zu haben. „Die haben den Vogel nach meinen Vorgaben auf mich zugeschnitten“, sagte er dann, meist schon lallend, weil er, wenn er trank, nicht aufhörte, bevor er bewusstlos wurde, aber nur, wenn er am nächsten Tag dienstfrei hatte. Sonst trank er nie, nicht mal nach einem Einsatz wie diesem.
Wir hatten etwa ein Drittel des Geschwaders verloren. Der Rest kehrte mit uns zum Stützpunkt zurück. Eines der Schiffe flog mein Bruder Misan. Erleichtert stellte ich auf dem Radar fest, dass er uns in einem Abstand von einer halben Lichtsekunde folgte.

Ich war Navigator an Bord der Pegasus. Seit einem halben Jahr flog ich jetzt mit Kammo. Die anderen erzählten mir, ich sei sein siebter Navigator. Er selbst sprach nie über meine Vorgänger. Fleischige Narben an Hals, Gesicht und Händen ließen ahnen, dass ihm nicht zum ersten Mal das halbe Schiff unterm Hintern weggeballert worden war. Aber im Gegensatz zu mir schien ihn das nicht zu interessieren.
Kammo war routiniert und eiskalt. Er konnte mit der Wespe Haken schlagen und gleichzeitig feuern. Noch ehe ich den Feind überhaupt sah, wusste er immer, wo er hinzielen musste. Seine Torpedos trafen die gegnerischen Raumschiffe, bevor sie sich ganz enttarnt hatten.
„Du siehst es an den Sternen“, hatte er mir erklärt. „Sie beginnen zu flirren, wenn diese Drecksäcke die Hosen runterlassen. Das ist der Moment, in dem du sie erwischen musst, sonst bist du tot.“
So konzentriert ich konnte, hatte ich während der Kämpfe nach diesem Flirren Ausschau gehalten. Ich habe es nie gesehen. Ich wäre nie ein guter Kampfpilot gewesen.
Einen Piloten wie Kammo an seiner Seite zu haben war eine Art Lebensversicherung – und gleichzeitig ein Stück weit ein Himmelfahrtskommando. So schnell und erfahren er war, so offensiv kämpfte er auch. Niemand durfte ihn herausfordern. „Wespen jagen dich, wenn du sie ärgerst!“, war sein Lieblingsspruch, und dann hetzte er den Feind, bis er ihn hatte. Er erwischte sie alle. Aber auch die Krond hatten ein paar teuflisch gute Piloten. Es war jetzt das zweite Mal, dass sie uns fast abgeschossen hatten.
Diesmal waren Schiff und ein Teil der Besatzung allerdings in miserablem Zustand. Beides verlangte nach einer Generalüberholung. Ich brauchte wahrscheinlich eine neue rechte Hand und das Schiff eine neue Steuerkonsole. Die alte war beim Einschlag eines Torpedos in Flammen aufgegangen, herumfliegende Teile hatten mir die Hand zerfetzt und sich in meinen Körper gebohrt. Ein großes Metallstück steckte wie die Flosse eines Delfins in meinem linken Unterarm. Ein kleineres ragte zwischen meinen Rippen heraus. Überall in der Kanzel klebte mein Blut. Die schwarze Uniform glänzte feucht an Brust und Arm. Ich war froh, dass das Mydrox den Schmerz so zuverlässig betäubte.
Kammo hatte nur ein paar Splitter abbekommen. Der Glückspilz.
Kaum merklich vibrierend jagte die Pegasus mit halber Lichtgeschwindigkeit durchs All. Das Notsystem hatte die Steuerung übernommen und folgte dem Funkfeuer des Stützpunkts. In der Ferne bogen sich die glühenden Spiralarme von Bodes Galaxie majestätisch um deren Kern, wo dicht gedrängte Sterne wie ein grelles Auge leuchteten.
Ich starrte abwesend hinaus. Kammo war eingeschlafen. Nach einer Weile schloss auch ich die Lider. Mir wurde kalt. Ich spürte ein Ziehen in der Brust. Meine rechte Hand begann, dumpf zu pulsieren, ebenso mein linker Arm. In meinen Ohren hallte der Druck der Explosion als leises Rauschen nach.

Manchmal dauerte es Stunden vom Alarm bis zum Abflug. Die wenigen alten Hasen des Geschwaders brachten es fertig, sich in dieser Zeit quer über die Sitzreihen zu legen und zu schlafen. Ich konnte das nicht. Wie viele gleichaltrige Kameraden war ich einfach zu nervös. Jeder Einsatz konnte der letzte sein. Ich besaß weder langjährige Routine noch war ich kaltschnäuzig genug, um im Angesicht des vielleicht bevorstehenden Todes gleichgültig zu bleiben. Darum lagen für Soldaten wie mich in der Abflughalle Zeitschriften aus. Wir lasen sie wahllos, um uns von unserer Furcht abzulenken.
Auch vor diesem Flug hatte ich gelesen. Es war im Spacewarrior gewesen, einem Soldatenmagazin, das vor allem die Rekruten mochten. Viele nackte Frauen waren darin abgebildet, die Texte meistens flach, aber gerade deshalb leicht zu konsumieren. Genau das Richtige, um sich zu zerstreuen. Der Leitartikel „Grenzerfahrung“ hatte von Nahtod-Erfahrungen gehandelt: „… die Patienten berichteten allesamt von unangenehmen Geräuschen, einem Brummen oder Klingeln. Danach wollten sie sich sehr zügig durch einen dunklen Tunnel bewegt haben. Im Anschluss daran hätten sie sich außerhalb ihrer Körper befunden, sodass sie auf sich selbst herabsehen konnten. Lichterscheinungen seien ihnen begegnet, ihr Leben in Sekunden in Bildern an ihnen vorüber gezogen …“
Ich stellte mir vor, wie das sein mochte. Auch ich würde gerne mein Leben an mir vorüberziehen sehen. Es gab so viele Dinge, an die ich mich nicht erinnern konnte. Ganze Jahre fehlten mir. Ob der Tod sie mir zurückbringen würde?
Ich versuchte, mich zu konzentrieren – auf meine Kindheit. Viele Details fielen mir nicht ein. Ich war getrennt von Misan aufgewachsen. Er war beim Tod unseres Vaters schon neun, recht selbstständig, und durfte bei unserer Mutter bleiben, aber ich war noch zu betreuungsbedürftig, wie das Amt damals meinte, und wurde darum zu Mutters Eltern gegeben. Sie betrieben einen Solarpark auf Kelos 3. Zeit war da Luxus. Großmutter parkte mich tagsüber vorm Fernseher und war mit dem Haushalt zugange, während Großvater immerzu irgendwelche Reflektoren oder Leitungen reparierte oder sich um die Energiespeicher kümmerte. Zeit für mich fanden sie selten. Also verzog ich mich, kaum dass ich alt genug war, unter die großen Sonnenspiegel und träumte. Träumte mir Freunde. Träumte mir Liebe.
Als ich vierzehn war, holte Misan mich zu sich. Wir flogen nach Boron, einem kleinen künstlichen Planeten nahe der Erde. Dort gab es zahlreiche Schulen, Internate, Akademien und – neben einigen anderen Universitäten – eine gigantische Raumfahrtuniversität. Misan studierte da und sorgte dafür, dass ich nach meinem Schulabschluss auch einen Studienplatz dort bekam. Im Jahr darauf wurde Misan einberufen und verpflichtete sich zum Berufspiloten. Von da an sahen wir uns nur noch, wenn er auf Heimaturlaub war. Das war er ziemlich selten.
Also hielt ich ihn mir als Vorbild hoch. Nahm mein Studium sehr ernst, studierte in Trimestern, ohne Zeit für Vergnügungen zu vergeuden. Tagsüber saß ich im Hörsaal, danach in der Bibliothek, am Abend lernte ich im Bett, oft bis spät in die Nacht. Bücher über Kosmologie und Weltraumnavigation waren mein Kopfkissen. Misan setzte sich dafür ein, dass ich nach zwei Jahren einen Praktikumsplatz bei der Flotte bekam. Nach dem Studium dankte ich es ihm, indem ich mich zu zwölf Jahren Kampfdienst verpflichtete. Ich fand, das war ich ihm schuldig.
Auf die Militärakademie geschah es schließlich. Kaum dass ich dort angetreten war, begannen meine Träume, sich zu erfüllen. Ich lernte Sela kennen. Mein Herz erwachte.
Wir waren überglücklich, sieben Monate lang. Dann starb sie bei ihrer ersten Flugstunde. Ihr Gleiter explodierte wegen eines Leitungsdefekts in der Sauerstoffzufuhr. Jetzt lag sie in den Armen der Sterne.

Die Schmerzen wurden stärker. Das Rauschen lauter. Ich wurde müde. Müde und schwer. Ob ich auch in den Tunnel gehen würde?

Es ist dunkel. Das Vibrieren der Pegasus vergeht in dieser Finsternis. Ich spüre das Brummen eines tieffrequenten Tons. Es ist laut, wird immer intensiver. Ein zweiter Ton erklingt, schwingt mit höherer Frequenz. Dann ein dritter, tiefer als der zweite und höher als der erste. Ein schwarzer Ton zwischen zwei weißen. Das fis zwischen dem f und dem g. Der Klang meiner Moleküle. Meine eigene Klangstrukur. Ich zerfalle. Bin bald nur noch Schwingungen. Schwelle an, werde lauter. Das gesamte Spektrum meiner Moleküle schallt hinaus, wirft mich in den Kosmos, erfüllt ihn mit meinen Wellen. Kein Tunnel, Töne! Dröhnender Schlussakt einer Existenz. Ihr intergalaktisches Finale in oktavierten Frequenzen,
Sela, hörst du mich?
Ich erklinge bis an die Grenzen des Alls, reflektiere mich in ihnen, bis ich im Rauschen der Endlichkeit verhalle.

(c) by E.M. Jungmann 2009

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