Es ist ja Weihnachten

Zugegeben, ich mag den Winter nicht. Diesen nicht und keinen anderen. Ich kann dem weißen Zeug und der Kälte nichts abgewinnen, das Autofahren macht keinen Spaß, wenn man ständig auf Glatteis achten muss, und am wenigsten kommen meine Augen mit der kalten Jahreszeit klar. Sie tränen immerzu.

Das ist manchmal richtig peinlich. Ich gehe das kurze Stückchen von meinem Büro zur Kantine über den Hof, und bis ich dort ankomme, sehe ich aus, als hätte Zwiebeln geschnitten. Betroffene Gesichter sehen mich an, ich erkläre: „Nein, nein, es ist nichts, ich habe nur schwache Bindehäute“, und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Ohne ein Taschentuch in meiner Jacke bin ich in so einer Situation verloren.

Eine Freundin riet mir, es mit Augentropfen zu versuchen. Seither träufle ich mir täglich so homöopathisches Zeug in die Augen, aber das hilft auch nicht wirklich. Sie tränen immer noch, sobald ein Windhauch sie streift. Nur – wenn ich die Tropfen vergesse, tränen sie noch viel schlimmer.

Heute früh waren die Tropfen leer. Also ging ich zur Apotheke und erklärte mein Problem. „Wünschen Sie eine Beratung?“, fragte die freundliche Apothekerin, und ich willigte freudig ein, zumal sie mir versicherte, dasselbe Leiden zu haben. „Das sind trockene Augen“, sagte sie, „aber da gibt es hervorragende Tropfen, die sind ganz toll, ich nehme sie selbst.“

Nun, das klang sehr mutmachend. Die Apothekerin verschwand, kam mit einer flachen Schachtel zurück und sagte: „Erschrecken Sie nicht, das nimmt man auch bei Kontaktlinsen, aber gerade für Ihr Problem hilft es wunderbar.“

Dann machte sie Schachtel auf. Darin befand sich ein Streifen mit zehn Ampullen. Ich war zwar etwas irritiert, aber dachte: na zum Probieren nicht schlecht.

„Träufeln Sie sich die Tropfen ganz vorsichtig in die Augen. Was daneben läuft, verreiben Sie einfach ringsum. Das ist Feuchtigkeit, das habe ich auf einem Seminar gelernt“, pries die Apothekerin die Tropfen an wie ein Wundermittel und verkündete anschließend, als sei dies nicht selbstverständlich: „Eine Ampulle reicht für beide Augen.“

Bei so viel Glück wagte ich kaum, nach dem Preis zu fragen, aber ganz unerheblich fand ich diesen Aspekt dann doch nicht, also formulierte ein zurückhaltendes: „Was kosten die denn?“

Der Gesichtsausdruck der Apothekerin veränderte sich schlagartig. Die Euphorie in ihm wich einem schwer zu bestimmenden Unbehagen, umständlich fuhr sie mit der Packung über den Scanner und meinte dann: „Zwölfünfundachtzig.“

„Das ist viel Geld für zehn Tage“, meinte ich.

Sie lächelte gespreizt, überlegte und sagte schließlich: „Ja, wenn Sie die jeden Tag brauchen, hätte ich da noch ein Fläschchen. Das ist deutlich günstiger“, eilte davon und kehrte mit einer sehr viel kleineren Packung desselben Herstellers zurück.

„Ist da das Gleiche drin?“, fragte ich.

„Ja, genau das Gleiche. Und es kostet nur Vierfünfundachtzig.”

Aha. Den Preis kannte sie auswendig.

Gönnerhaft fügte sie hinzu: „Es ist ja Weihnachten.“

Oh, wie habe ich mich gefreut. So reich, so selbstlos beschenkt zu werden.

Ich kaufte das Fläschchen und bin nun gespannt, ob ich weitere Tränen vergießen werde.

Reichlich erfreulicher war mein späteres Weihnachtserlebnis zu Hause. Mein Nachbar kam herüber und brachte mir einen Weihnachtsgruß.

Mit ihm gab er mir den Glauben an den eigentlichen Charakter dieses Festes zurück.

Ihnen allen ein frohes Fest, friedliche, besinnliche Tage und einen Apotheker, dem Sie vertrauen können.

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