@charonsdead schreibt auf Twitter: “Lese gerade: ‘nicht das Schöne wird einem lieb, sondern das Geliebte wird schön.’ Schöner, wenn auch nicht richtiger Satz.”
Ich denke darüber nach und muss schmunzeln, denn meine Erfahrung ist: Man liebt nicht nur das Schöne, sondern auch das, was man regelmäßig sieht, manchmal jedenfalls, und das wird dann tatsächlich schön.
Woran liegt das? Was lässt das Auge nach Schönem im Vertrauten forschen?
Vielleicht ist es schlicht der Wunsch, sich mit Schönem zu umgeben. Er öffnet uns die Augen, lässt sie Schönes suchen – und finden, wenngleich auch oft erst auf den zweiten oder soundsovielten Blick, und plötzlich werden Menschen schön, die uns, beim ersten Hinsehen, vielleicht eher unscheinbar erschienen sind.
Möglicherweise sind es gerade die Augen dieses Menschen, die uns als erstes gefallen, weil sie eine außergewöhnliche Farbe oder einen besonderen Ausdruck haben. Eventuell auch der Mund, weil er extrem sinnlich ist. Kann sein, dass es die Haut ist, weil sie so weich aussieht, so glatt …
Bei genauem Hinsehen lässt sich viel Schönes entdecken.
Menschen sind ja auch schön. An ihnen ist so viel Bewundernswertes, das es lohnt, sie zu betrachten. Der eine hat ein fantastisches Lächeln, die andere herrliches Haar … Wenn man nur intensiv genug hinsieht, besitzt jeder von uns mindestens ein Merkmal, das ihn zu etwas Besonderem macht. Und wenn es dann noch jemanden gibt, der uns mag, dann wird er dieses Merkmal wahrscheinlich als ‚schön‘ bezeichnen.
Man liebt also nicht nur das Schöne, sondern die Liebe lässt uns das Schöne sehen. Oder, um es mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”
Das ist ein schöner Artikel!
Mir fiel dazu ein, dass es ein empirisches Experiment gibt: Fast alle Menschen finden Bilder von ihren Bekannten schöner, wenn diese nicht spiegelverkehrt sind. Nur sich selbst findet man spiegelverkehrt schöner … warum wohl?
Genau, quod erat demonstrandum
Liebe Bettina,
das ist ein interessantes Experiment. Müsste man tatsächlich mal ausprobieren.
Meine Großmutter malte sehr gut. Einmal hat sie meinen Großvater portraitiert, und anschließend meinte sie zu mir: Beim Malen habe ich gesehen, dass er eine gute und eine schlechte Seite hat. Wenn man mit der Hand das halbe Bild verdeckt, dann sieht man es.
Dann verdeckte sie das halbe Bild, und es war tatsächlich sichtbar. Die eine Seite sah sehr freundlich aus, die andere recht vergrämt. Ich probierte es mit einem Bild von mir, da war es ähnlich. Eine Seite ist richtig hübsch, auf der anderen ist alles irgendwie seltsam. Im Gesamtbild passt es dann aber wieder.
Es ist schon sonderbar, was uns das Auge alles ‘einredet’.
Lg
emju
Dazu passt auch, dass Psychologen bei Paaren von “Ergänzungsmuster” sprechen, d.h., dass wir Seiten, die uns fehlen, via Partner ergänzen. In dieser Logik würde das vielleicht heißen, dass wir versuchen, die hässliche Seite “aufzuhübschen”
Hallo Emju
ich glaube abseits von allen empirischen Experimenten letztlich an den Saint-Exupéry: Nur mit dem Herzen sieht man gut. Und wenn einem Menschen lieb und vertraut sind, erkennt man ihre Art in ihrem Gesicht. Schwer zu beschreiben, aber es ist für mich eher ein Wiederfinden beim Betrachten. Ich finde, das was ich an dem Menschen mag, ausgedrückt in seinem Äußeren wieder. Das können die sanften Augen sein, die Lachfalten, die strenge Falte zwischen den Augen etc.
Es ist dann ein “anderes” Schönfinden, hat nix mehr mit dem Schönfinden eines toll aussehenden Menschen zu tun und drückt eigentlich Vertrautheit aus.
lg Markus
Es ist ein schweres Thema. Ich bin vielleicht komisch, wahrscheinlich auch zu idealistisch. Ich mag viele Freundinen von mir (und ich habe viele), aber ich kann mir nicht vorstellen, mindestens mit einer von denen zusammen zu sein. Eine ist schön, aber zu zickig. Die andere ist ein Supermensch, aber ich weiß, dass sie mir als Frau nicht gefällt, und, und, und.
Ich habe vor kurzem ein Gespräch mit ‘nem Kumpel von mir gehabt. Er sagte:
- Wenn mir an einem Mädel was super dolle gefällt, dann bin ich bereit mit ihr zusammen zu sein.
Ich bin irgendwie neidisch auf ihn. Ich sehe in Menschen öfters Kleinigkeiten, die mich immer mehr und mehr nerven.
Der Tschechow schrieb mal: “In einem Menschen muss alles schön sein: sein Gesicht, seine Kleidung, seine Seele und seine Gedanken.”
Aber andererseits, ist Kleidung von jemandem nicht schön, sind seine Seele und Gedanken weit von Schönheit entfernt, dann reicht ihm wahrscheinlich nur die Schönheit des Gesichtes.
P.s.
Sorry für Gedanken, die durcheinander geschrieben sind
In den letzten Tagen habe ich zwei seltsame Phänomene erlebt. Das eine Mal bin ich jemandem begegnet, den ich schon oft zuvor gesehen habe. Bisher trug er immer eine Brille, plötzlich nicht mehr, und ich hätte ihn beinahe nicht wiedererkannt. Er sah so anders aus – so jung – und schön. Ich wollte ihn nicht länger ansehen, damit er nicht denkt, ich starre ihn an.
Das andere Mal war in einem Telefonladen. Der Mann, der mich beraten hatte, sah umwerfend aus. Ich möchte sagen perfekt. Und das wusste der, jede Wette. Auch ihn wollte ich auf keinen Fall zu intensiv ansehen, schon allein, damit mir das Gespräch nicht entgleitet. Aber ein Anblick war das. Wow.
Und beide verursachten sonst nichts in mir. Ich meine, sie waren nur schön anzusehen. Aber das, was Markus schreibt, fehlte gänzlich. Dieses Wiederfinden beim Betrachten, dieses ‘andere’ Schönfinden.
Ametim, du zitierst Tschechow: “In einem Menschen muss alles schön sein: sein Gesicht, seine Kleidung, seine Seele und seine Gedanken.”
Ich glaube, ich kann das für mich ein wenig reduzieren. Sein Gesicht… das ist relativ. Es ist Geschmackssache, was ein Gesicht schön macht. Es muss nicht schön sein, ich muss es schön finden. Ich glaube, das ist ein Unterschied. Seine Kleidung ist mir egal. Wenn er jeden Tag im Blaumann vor mir steht, kann es sein, dass er mir trotzdem sehr gefällt. Aber mit der Seele und den Gedanken hat Tschechow Recht.