Ich denke, es wird mal wieder Zeit für eine Kurzgeschichte. Viel Spaß damit.
Hexenkreis
Die Augen konzentriert auf den laubbedeckten Boden gerichtet, fast schon blind vom Gelb und Rot und Braun der Blätter, von dem sich die ebenso gelben und rötlichen und braunen Pilzkappen kaum unterscheiden, wenn sie nicht schon über den Blätterteppich hinausragen und nur die weißen sich durch ihr helles Schimmern verraten, stapfe ich seit Stunden durch den Herbstwald, alleine, nur Bäume, Vögel, Krabbeltierchen und ich, und spüre den schwer gewordenen Korb in meinen Arm schneiden, mir sagen, dass es genug ist für heute, dass ich noch Stunden damit beschäftigt sein werde, die ganzen Pilze zu waschen, kleinzuschneiden und dann einzumachen, und dass ich mit jeder Stunde, die ich weiter verstreichen lasse, den Würmern nur noch mehr Zeit gebe, sich weiter in das Pilzfleisch zu bohren, bis hinauf in die Kappen ihre braunen Bahnen zu ziehen, die sie allein mit ihren gefräßgen Mäulern schaffen und nicht aufgeben, obwohl sie schon jetzt dem Tod geweiht sind, jenem unvermeidlichen Wurmtod, der sie unbarmherzig in meiner Küche ereilen wird, heimsuchen in Form meines Messers, jeden einzelnen von ihnen werde ich bis in die Ränder der Pilzhüte verfolgen dort herausschälen, das Fleisch der Frucht von ihnen reinigen, befreien und dabei große Freude empfinden, auch wenn ihnen das kochende Wasser ohnehin ihr Ende bereiten würde, aber wer will schon Würmer essen, bzw. wer will schon wissen, dass er Würmer isst, und da außer mir von diesen Pilzen niemals jemand kosten wird, ist es wichtiger als alles andere, die Würmer zu entfernen, denn andernfalls würde ich mich nicht überwinden können, diese Pilze zu essen, wobei ich eigentlich gar keine Pilze mag, ich sammle sie nur gerne, und alles was dann kommt, das Säubern, das Zubereiten, das Haltbarmachen und schließlich der Verzehr, habe ich mir nur deshalb zur Pflicht gemacht, weil ich gelernt habe, Lebensmittel nach Möglichkeit niemals wegzuwerfen, so, wie ich auch bewusst mit Energie umgehe und selbst meine Gefühle nicht vergeude, was letztendlich vermutlich der Grund ist, warum ich nun schon seit so vielen Jahren alleine lebe, ohne Aussicht auf Änderung, ohne Hoffnung auf ein Herz, das sich für mich erwärmen mag, bin ich doch bekannt für meine Schrulligkeit und gefürchtet wegen meiner Sparsamkeit, meinem Geiz, wie die Leute sagen, dabei bin ich gar nicht geizig, ich gebe nur nichts aus für Dinge, die ich nicht benötige und brauche im Grunde nicht viel um zu leben, weswegen ich ein gutes Auskommen mit der kleinen Rente habe, die mir seit einigen Jahren überwiesen wird und von der ich nur wenig für Medizin oder sonstige lebensnotwendige Dinge verbrauche, schließlich bin ich nur äußerst selten krank, vermutlich, weil ich mich abgehärtet habe, im Winter nur wenig heize, mich mit kaltem Wasser wasche und außer selbstgepflückten Kräutertees und Wasser aus dem Bergbach nichts trinke, keine Limonaden, keinen Alkohol und keinen Kaffee, denn Kaffeebohnen wachsen hier nicht, im Gegensatz zu dem Tabak, den ich für mich anbaue, und dessen Ernte mir ein Jahr lang reicht, um mir, geschnitten und in Zeitungspapier gerollt, gelegentlich ein kleines Vergnügen zu bereiten, vielleicht das einzige außer dem Pilzesammeln und Würmertöten und dem Gärtnern in meinem Gemüsebeet, dessen Erträge ausreichen, um selbst einen langen Winter gut überdauern und das mir nicht so viel Mühe macht wie das Holzhacken, das Pumpen des Wassers aus meinem vor vielen Jahren selbstgegrabenen Brunnen oder das Waschen meiner wenigen Kleidungsstücke im eiskalten Bach, der neben meiner Holzhütte entlangläuft, wegen dem ich sie überhaupt genau an diesem Platz errichtet habe und nicht, wie manche im Dorf behaupten, weil du unter ihrem Fundament liegst, seit du vor fünfzehn Jahren plötzlich verschwunden warst, einfach nicht mehr nach Hause kamst nach deinem letzten Kneipengang, einem von hunderten, unser ganzes Geld hast du in das Wirtshaus getragen, es verspielt, versoffen, in den weiten, prall gefüllten Ausschnitt der Wirtin gesteckt, sauer verdientes Geld das ich mit meinen Händen und im Schweiße meines Angesichts erarbeitet habe, denn du hast ja lang schon nicht mehr gearbeitet, warst Frührentner, nachdem der Riegerbauer dich bei der Weizenernte betrunken mit dem Traktor über den Haufen gefahren hat und du den rechten Arm verlorst, zu Saufen begannst und das Unglück, in dessen Folge wir uns auseinanderlebten, seinen Lauf nahm, ich deine Welt nicht mehr verstand und du meine nicht mehr betreten wolltest, bis ich nicht mehr konnte und es an jenem Abend tat, aber ich habe dich nicht erschlagen und unter der Hütte verscharrt, wie manche Leute behaupteten, sondern im Bach ersäuft, und du hast dich gewunden, hast einfach nicht verrecken wollen, dabei warst du so besoffen, dass ich dachte, es würde ganz schnell gehen, doch du hast gezappelt, um dich geschlagen wie wahnsinnig, bis dann endlich dein Schlagen zu einem Zucken verkam, die Kraft aus dir floss und mit dem Bach davonrann und irgendwann deine wütenden Arme leblos zu Boden sanken, jenen laubbedeckten, Schreie schluckenden Boden, in dem dich später die Würmer gefressen haben, nicht weit von hier, die Stelle habe ich mit einem Kabelbinder markiert, ihn um den Zweig eines Strauches gebunden, und manchmal gehe ich noch dorthin, nur um ein bisschen bei dir zu sein und auf dich zu schimpfen, weil du mir unser Leben zerstört hast, mich einsperrtest in dieser Hölle von einer Ehe, aus der ich nur hätte entkommen können, wenn ich mich umgebracht hätte, das hast du mir jedenfalls immer vorgeschlagen, anders, so hast du gesagt, würde ich dich nicht los, aber da hast du dich getäuscht, und auch wenn ich nie mehr glücklich geworden bin, so gehe ich doch heute hier Pilze suchen und du lieferst ihren Nährboden, und da, wo du liegst, wächst seit Jahren ein Hexenkreis.