Archiv für Oktober 2009

In und von München

Sonntag, 25. Oktober 2009

Gestern war ich in München, um mich dort mit ein paar Tweeple zu treffen. Es war ein mehr oder minder spontanes Treffen. Wir hatten es vor einer Woche angedacht und unsere Absicht einfach per Twitter verbreitet. Erstaunlicherweise saßen wir dann tatsächlich zu Acht an einem Tisch im Hofbräukeller.
Acht Menschen, die ohne Twitter vermutlich kaum zusammengekommen wären. Acht Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen, Geschichten, Berufen, Ansichten. Es war wirklich spannend.

Als wir uns voneinander trennten, hatte ich neben fünf Haltestellen Straßenbahn noch ca. 250 Autokilometer vor mir.
Nach gefühlten 50 Kilometern Baustelle mit Tempomat auf 80 überkam mich die Lust, etwas Gas zu geben. Bis dahin war ich nie schneller als 180 gefahren, aber die Straße war fast leer und trocken, und so dachte ich mir: Was solls.

Ums kurz zu machen: es war einfach nur stark. Streckenweise sprang die Tachonadel über 190, ich weiß, es geht noch mehr, aber übertreiben wollte ich es nicht. Schließlich war es Nacht, und ein Reh oder ein unachtsamer Autofahrer, der ohne zu blinken rauszieht (was ich leider auch gestern wieder erleben musste), kann da tödlich sein. Nur – wann hat man tagsüber schon mal die Gelegenheit, so Gas zu geben.

Wie gesagt, es war richtig klasse. Treffen und Heimfahrt. Das musste ich jetzt einfach loswerden. Hat beides richtig Spaß gemacht.

Lieber LeserInnen, bitte keine Moralpredigten. Ich habe Spaß an schnellen Autos, und seit ich eines habe, fahre auch mal 500 Km, um Leute zu treffen.
Ich führe bei diesem Thema keine Grundsatzdiskussionen und bin nicht belehrbar.
Wenn ihr glaubt, ich sei wahnsinnig, dann seht euch das hier mal an:

Mit 100 den Drackensteiner Hang hinab

Achmed the dead terrorist

Freitag, 23. Oktober 2009

How much is enough for you?

Dienstag, 20. Oktober 2009

Zwei Tage habe ich gebraucht, um meine Wohnung endlich mal so richtig auf Vordermann zu bringen. Hab alle Ecken gereinigt, Staubweben beseitigt, Dinge weggeworfen, mit denen ich seit Jahren nichts mehr anfangen kann. Nicht alle solchen Dinge, aber doch ein paar. Hab abgestaubt, auch die ganzen Einzelteile in den Regalen, und das ist doch eine beachtliche Menge, hab Teppiche grundgereinigt, den Glastisch auch von unten geputzt, Schränke ausgewaschen, Bücherregale nass ausgewischt. Bad, Küche und Laminat wurden ebenfalls grundgereinigt.
Nun sitze ich auf meiner Couch, fühle mich wohl, und schaue meine Lieblings-DVD “1 giant leap” an. Ich sehe diese schönen Bilder, höre die fantastische Musik dazu, und entspanne mich, um auch in meinem Herzen und meiner Seele ein wenig sauber zu machen. Auch dort gibt es Spinnweben, eingestaubte Gedanken und schmutzige Ecken. Ich nehme den großen Besen raus und reinige sie. Besinne mich auf die Dinge, die mir wichtig sind, löse mich von denen, die ich nicht brauche.
Das ist kein Akt, bei dem Entscheidungen getroffen werden. Es ist mehr ein Insichkehren – in mehrdeutigem Wortsinn. Zum einen das erwähnte Kehren im Sinne von Reinigen, zum anderen das in sich Einkehren, zu sich selbst finden, bei sich sein.
Wer bin ich? Was fühle ich? Was hält mich in meinem Inneren zusammen?
Und dann sehe ich mich, fühle meine Freude am Leben, das Glück, das ich empfinde, wenn die Sonne scheint oder ich einen bunten Blumenbusch sehe. Genieße das Geschenk, gute Freunde zu haben, die da sind, wenn man sie braucht.
Das genügt mir für diesen Moment. Ein Moment, in dem ich reicher bin als mancher Millionär.

Stille

Montag, 19. Oktober 2009

„Wir gehören nicht zu dem Saftladen“, sagte die Dame zu mir.
Ich sah auf den Tetrapack vor mir, sah sie an und antwortete: „Ich putze mir nur noch die Nase, dann bin ich weg.“
Sie ging weiter. Eigentlich wunderte ich mich nicht, hier nicht sitzen zu dürfen, blieb auch nicht mit der stoischen Gelassenheit meiner nur Eis leckenden und sonst nichts konsumierenden Tischnachbarinnen trotzdem beharrlich auf meinem Platz, sondern packte mein Taschentuch weg und begab mich Richtung Eingang der Halle 4.1.
Wir gehören nicht zu dem Saftladen, gingen mir die Worte der Bedienung durch den Kopf. Ich grinste. Bei dem Saftladen handelte es sich um ein kleines Ständchen vor dem Restaurant, an dessen Tischen ich mich unerlaubterweise niedergelassen hatte. Der Saftladen verkaufte frisch gepressten Orangensaft, Joghurt und stilles Mineralwasser zu 2,50 den Pack.
Um mich war es laut. Stimmgemurmel, Menschenmassen, die aus der Halle quollen und hineinströmten. Wir gehören nicht zu dem Saftladen. Ich auch nicht.
Ich mag eigentlich keine Menschenmassen. Und ich mag keinen Lärm. Genaugenommen bin ich sogar sehr Lärmempfindlich. Darum muss ich mir – bei Messebesuchen zum Beispiel – von Zeit zu Zeit eine etwas ruhigere Ecke suchen, um mich dorthin zurückzuziehen. Etwas Ruhe zu finden. Abschalten.
Für solche ruhigen Ecken habe ich übrigens einen regelrechten Riecher. Wer mich sucht, der findet mich in Cafés auf Zwischenetagen, in die sich kaum einer verirrt, in Fluren am Hallenrand, dort, wo die Rückseiten der Ausstellungsboxen sind, oder irgendwo auf einer bequemen Sitzgruppe in der Halle mit dem für Privatbesucher unattraktivsten Programm.
Auf der Suche nach einer solchen Ecke begab ich mich Richtung Halle 6.1, musste dafür aber erst die 4.1 durchqueren.
Dann geschah es.
Wir gehören nicht zu dem Saftladen, hörte ich in meinen Gedanken die Stimme der Bedienung, hörte plötzlich ich ein Rauschen, ein hochfrequentes Piepen, spürte einen leichten Druck in meinen Ohren – und dann wurde es still um mich. Es war, als hätte jemand den Ton ausgestellt.
Verwirrt sah ich mich um. Die Münder der Leute bewegten sich, doch ihr Gemurmel war verstummt. Geizhälse zogen ihre Trolleys lautlos hinter sich her, Kinder tobten ohne jedes Geräusch durch die Hallentüren. Ich hatte ein minimales Ziehen im Ohr. Nicht schlimm, kein Ohrenschmerz.
Ich ging weiter, dachte, das hört gleich wieder auf, du hörst gleich wieder was, aber da irrte ich mich. Als ich die Sitzgruppe in Halle 6.1 erreicht hatte, hörte ich immer noch nichts.
Für den Moment fand ich mich damit ab.

Um 14 Uhr hatte ich einer Lesung lauschen wollen. Das hat sich dann wohl erledigt, dachte ich. Außerdem wartete ich auf den Anruf der PR-Agentur wegen eines Termins, der sich verschoben hatte, wegen dem ich aber eigentlich überhaupt noch hier war. Nun ja, Anruf und Besprechung hatten sich dann wohl gleichfalls erledigt.
Ich beschloss, zur Agentur zu gehen, ihnen auf einen Zettel zu schreiben, dass ich momentan nichts höre, und dann die Heimreise anzutreten.
200 Kilometer Autofahrt ohne Gehör. Bei dem Gedanken war mir mulmig…

Bis auf die Behauptung, dass ich nichts mehr hörte, ist diese Geschichte wahr. Ich habe zu Hause recherchiert, es war wohl ein Hörsturz. Aber mein Hörvermögen stellte sich rasch wieder ein, ich nahm den Termin mit der Agentur wahr und konnte auch gut nach Hause fahren. Seither hat es sich zum Glück nicht wiederholt.
Aber warum zur Hölle ist es passiert?
Ich weiß es nicht. Aber es war irgendwie beängstigend. Erst in solchen Momenten weiß man die Fähigkeiten eines gut funktionierenden Körpers richtig zu schätzen. Und dann setzt man sich auf eine Sitzgruppe in Halle 6.1 und schreibt solche Geschichten. :-)

Sonntagsspaziergang mit Hund

Sonntag, 11. Oktober 2009

Gelegentlich besuche ich meine Freundin auf den Fildern. Dort ist es noch recht ländlich, es gibt weite Äcker, unzählige Sonntagsspaziergänger und einen Haufen Hundehalter, die unterwegs sind. Auch meine Freundin hat einen Hund, deswegen gehen wir auch raus. Wenn der nicht wäre und es nach mir ginge, würden wir nie spazieren gehen, weil ich im Grunde ein absoluter Stubenhocker bin und Bewegung irgendeinem Zweck dienen muss – alleine die Schönheit eines sonntäglichen Spaziergangs zu genießen ist für mich nicht einmal der Ansatz eines Zwecks.
Aber nun ist er einmal da, der Moritz, also waren wir auch heute wieder mit ihm draußen. Dabei habe ich, wie auf den meisten unserer Spaziergänge, wieder was gelernt.

Wir begegneten einer joggenden Hundehalterin. Ihr Labrador sah Moritz, sprang auf ihn zu und begann, mit ihm herumzutollen. Die Dame wollte ihn zur Ordnung rufen und ließ dabei (was ich irgendwie kontraproduktiv fand) die Leine los. Also begannen die Hunde miteinander zu spielen.
Als ich das erste Mal Zeugin einer solchen Spielszene war, erschrak ich. Ich dachte, die Hunde tun sich was an. Aber sowohl meine Freundin als auch der andere Hundehalter sahen gelassen zu, wie sich die Hunde aufrichteten, ineinander verhakten, vergnüglich nacheinander schnappten und sich dabei anraunzten. So ähnlich war es auch heute.
Es wurde also gespielt, die Joggerin befahl ihrem Hund, zu ihr zu kommen (Santo, komm jetzt her!), den interessierte das überhaupt nicht (hechel, freu, wegrenn), und meine Freundin sah zu und schmunzelte. Ich auch.
Nach einem kurzen Austausch zwischen Hundehalter und Hundehalter nahm meine Freundin Moritz wieder an die Leine und auch Santo kehrte widerwillig zu seinem Frauchen zurück. Wir gingen weiter, Santo und sein Frauchen joggten weiter.

Eine gute halbe Stunde später traf man sich wieder. Santo und Moritz erkannten einander sofort. Sie rannten aufeinander zu, spielten, tollten herum, und dann begann mein Lernprozess. Moritz bestieg Santo, und zwar nach allen Regeln der Kunst.
Er ist eine Mischung aus Windhund, Schäfer und allem, was sonst so auf der Straße herumläuft, also nicht gerade klein. Aber er ist kastriert. Trotzdem hatten die beiden offensichtlich eine Menge Spaß.
Auch die Passanten hatten Spaß. Und ich, weil ich deren Gesichter studierte. In ihnen stand etwas wie Scham, überdeckt von Belustigung, und gleichzeitig einer gewissen Hilflosigkeit. Denn, Sie ahnen es, auch Santo verbarg seine Männlichkeit nicht. Im Gegenteil, sie war weithin gut sichtbar.
Im Gespräch mit der Dame erfuhren wir, dass Santo nicht kastriert ist. Wenn schon, dann hätte also eigentlich Santo Moritz ‘nehmen’ müssen, aber der Labrador hielt geduldig hin und das mehrfach. Sehr viel mehrfach. Ein Hundeporno am hellichten Sonntag Nachmittag.
Nun, was habe ich dabei gelernt?
Erstens: Homosexualität ist unter Tieren ganz und gar normal. Zweitens: Der Potentere muss nicht der Dominatere sein. Drittens: Menschen sind seltsame Wesen, weil sie sich über schwule Menschen gerne aufregen, schwule Hunde hingegen lustig finden.

Als wir uns zum zweiten Mal von der Dame trennten, legte sich Moritz erst mal ins Gras und erholte sich. Sehnsüchtig sah er Santo nach, bis der am Ende des Weges verschwunden war.

Cem Özdemir geht sich fremdschämen

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Gut, eine Glanzleistung war das nicht, was Westerwelle bei der Pressekonferenz gebracht hat. Er hätte seinen ‚Man-spricht-Deutsch-in-Deutschland-Satz‘ ja ruhig sagen können, aber dann halt in Englisch, schon alleine, weil er damit wenigstens nicht sich, sondern den BBC-Reporter deklassiert hätte. Da er ja künftig möglicherweise auch auf der internationalen Bühne auftritt, sollte er wenigstens das Minimum an Englisch können, das er für so eine Zurechtweisung gebraucht hätte.

Aber was Cem Özdemir jetzt bringt, ist noch dümmer. Fremdschämen, so sehr, dass man sich für ihn schämt.

Hallo? Geht’s noch? Was hat die Richtlinie der Deutschen Außenpolitik mit Westerwelles Englischdefiziten zu tun? Ich denke schon, dass sich das Außenministerium den einen oder anderen Simultanübersetzer leisten kann, und abgesehen davon, wir sind jetzt bereits genug blamiert, da muss Özdemir nicht noch eins draufsetzen.

Nein, lieber Herr Özdemir, diesen Auftritt hätten Sie sich sparen können. Der ist mindestens so peinlich wie Westerwelles Spruch auf der Pressekonferenz. Und woraus Sie die Wunschvorstellung speisen, 2013 ‚wieder zurück‘ zu sein, wüsste ich auch ganz gerne. Wie denn? Seite an Seite mit der CDU?

Die Grünen hatte mal ein Profil. Sie hatten mal eine Ideologie. Sie wollten Frieden, eine saubere Umwelt, und, wenn ich mal daran erinnern darf, sie fanden sogar das Kiffen gut.  Was ist davon geblieben? Die Umweltpolitik haben sich die Granden einverleibt und missbrauchen sie nun nach Gutdünken. Der derzeit offensichtlichste Widerstand gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg geht nicht von den Grünen, sondern von Campact aus.

Während ihrer Regierungszeit stimmten die Grünen einer Verlängerung der Auslandseinsätze nach der anderen zu, trugen die bürgerrechtsfeindliche Sicherheitspolitik der vergangenen Jahre mit und hatten nicht mal den Schneid, gegen die Netzsperren zu stimmen. Freiheitsrechte und Zensurverhinderung sind also auch nicht Teil ihres Programms.

Und was die Entkriminalisierung weicher Drogen angeht, hat sich auch überhaupt nichts getan. Lieber nimmt man hin, dass sich die Kids bewusstlos, wenn nicht gar tot saufen.

Wenn die Grünen so weiter machen, werden sie bei der nächsten Bundestagswahl nicht mal die 5-Prozent-Hürde bewältigen. Da braucht man sich dann auch nicht vorm BBC hinzustellen und sich noch lächerlicher zu machen, als man schon ist.

Und jetzt geh ich mich fremdschämen.

Überlärmt

Dienstag, 6. Oktober 2009

Baulärm, Straßenlärm, Autos mit lauter Musik, Bass bis zum Bersten, Kirchenglocken, Laubbläser, Bohrlärm in der Nachbarwohnung, Geschrei im Treppenhaus, Streit in der Wohnung nebenan, Fluglärm, zum Glück nur latent.

Ich wohne in einer Großstadt. Da ist das wahrscheinlich normal. Ebenso normal wie die Dauerbaustelle an meinem Arbeitsplatz, die sich vor drei Jahren heimlich angeschlichen hat und nun Stück um Stück über das gesamte Firmenareal wandert, ein Orchester aus Bohrhämmern, Meißeln, Fräsen, Schleifmaschinen, ein Dröhnen und Klopfen und Kreischen.

Bin empfindlich geworden. Selbst schrille Stimmen beginnen, mir auf die Nerven zu gehen. Momentan ärgere ich mich sogar über die meckernde Elster vorm Fenster, obwohl die ja nun wirklich nichts dafür kann.

Ich bin überlärmt. Brauche Ruhe. Wenn ich könnte, würde ich mich ins nächste Flugzeug nach Spitzbergen setzen und dort ein paar Wochen Urlaub machen. Gibt es da eigentlich Tourismus? Stillehotels für Lärmgeschädigte? Das würde mir gefallen.
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Vom Tod

Samstag, 3. Oktober 2009

Unser Leben beginnt damit, dass wir sterben. Jeden Tag ein Stück weit. Vom Tag unserer Geburt an sterben wir, sterben unsere Zellen, unsere Hoffnungen, Wünsche, Illusionen. Alles in uns ist von Anfang an zum Tode verurteilt. Die Frage ist im Grunde nur: wie gehen wir damit um?

Die einen wissen und respektieren das, nehmen es, wie es ist, freuen sich der Dinge, die sie er-leben dürfen. Die anderen wollen es nicht akzeptieren, krallen sich fest, verkeilen sich in Unmöglichkeiten, verzweifeln, resignieren, werden krank.

Wenn jemand stirbt, dann ist das endgültig. Man kann Schuldige suchen, die Umstände verurteilen, sich grämen. Aber ändern kann man es nicht.

Das Leben ist nicht dazu da, um die Toten zu beweinen. Was hat Gott davon, wenn wir freudlos sind? Kann er das wollen? Ich glaube nicht.

Ich glaube, er findet es gut, wenn wir uns vom Tod nicht fertig machen lassen. Schließlich hat er uns das Leben geschenkt, damit wir es führen, was draus machen, nicht, damit wir, in ständiger Angst vor dem Tod, in dessen Angesicht vor Ehrfurcht erstarren. Wenn es irgendwann so weit ist, können wir uns ohnehin nur ergeben.

Heut morgen fuhr ich an eine Kreuzung, an der ich an einer roten Ampel stehen bleiben musste. Ich sah auf die digitale Werbeanzeige vor mir, ihre Bilder verschwammen unbeachtet, die Sonne schien, es war kaum Verkehr, und ich dachte, heute wäre auch ein guter Tag um zu sterben. Es wäre ein schöner Tag dafür.

Ich hatte keine Angst. Seltsam eigentlich, weil ich mir in letzter Zeit schon manchmal denke, dass ich die Hälfte meines Lebens wahrscheinlich bereits hinter mir habe und mir dann vornehme, jeden kommenden Tag intensiv zu genießen, um ja keinen zu vergeuden. Aber heute Morgen war nur einfach dieses Gefühl des keine Angst Habens in mir.

Was ich mir nicht vorstellen kann, ist dass wir sterben und dann einfach nicht mehr sind. Wir sind weiter, Teil der Erde, von der wir aufgenommen werden, Teil des Feuers, in dem unsere Überreste verbrennen, Teil der Erinnerungen, die unsere Umwelt an uns in sich trägt. Vielleicht werden wir zu Klängen, die durch das All reisen, vielleicht zu Energie. Vielleicht gehen wir wirklich in einen Tunnel, um an dessen Ende irgend ein Licht zu betreten. Vielleicht werden wir wieder und wieder geboren, jedes Mal unschuldig und doch immer mit einem gewissen Grundwissen ausgestattet, das wir aus unseren Vergangenheiten mitbringen, ohne uns seiner Gewahr zu sein.

Wir sind, wie wir sind. Wir können uns ändern, entwickeln oder degenerieren, wir können unser Leben benutzen, um das Beste daraus zu machen oder es vergeuden. Niemand kann uns das vorschreiben, jeder geht seinen eigenen Weg. Es liegt an jedem selbst, ob er ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ist. Und nichts von all dem muss endgültig sein. Jeder hat jederzeit die Möglichkeit, sich zu ändern, egal in welche Richtung.

Es sind Momente wie der heute Morgen, die mir sagen, dass da mehr ist. Dass es nicht bloß Zufall ist, dass ich hier bin. Ich habe einen Sinn, wir alle haben einen Sinn, wir werden gebraucht. Wir müssen nur erkennen, wo und wann.

Wenn dann der Tag kommt, an dem unsere Zeit abgelaufen ist, sollten wir in Frieden gehen, und die, die wir zurücklassen, sollten uns in Frieden gehen lassen. Sie sollten ihr Leben weiterleben, das tun, wofür sie gebraucht werden, denn ihr Leben ist noch nicht vorbei. Sie sollten an uns denken, aber nicht traurig sein, sondern sich freuen. An allem. Auch daran, dass niemand ewig lebt.

So ist nun mal der Lauf der Dinge. Das Sterben gehört zum Leben dazu, vom ersten Tag an.

Geschichte aus sechs Worten

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Die Aufgabe, die ich mir heute gestellt hatte, lautete: Schreibe eine Geschichte unter Anregung von sechs Worten. Diese kamen nach einem kurzen Twitteraufruf:

@xjcg: Neoliberalismus

@sa7yr: Knochen

@coward23 Schweigen

@realer2k: Gardinen

@supodo: Gemüsesüppchen

@ichhebgleichab: Blumenkohl

Es gab noch weitere Worte, aber ich wollte versuchen, mit diesen sechs auszukommen. Die restlichen Worte kommen ins Wortdepot und finden sicher bald Verwendung :-)

Danke an euch, die ihr mir so schnell geantwortet habt. Hier ist die Geschichte.

Nachtrag:  Auf eine Anregung hin weise ich darauf hin, dass diese Geschichte für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet ist.

Geschichte aus sechs Worten

Neoliberal

Rückblickend hätte Jonatan seine Erziehung als eine Art Neoliberalismus beschrieben. Seine Eltern hatten in seine Entwicklung, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend eingegriffen, ihn ‚machen lassen‘, wie sein Vater es immer ausdrückte, ihn nicht kontrolliert und ihm keine größeren Grenzen auferlegt. Von Anfang an bewohnte er eine eigene Wohnetage. Als er sieben war, baute sein Vater sie zu einer vollständigen Wohnung aus, mit eigenem Badezimmer, Studierzimmer und sogar einer kleinen Küche. Seine Freunde beneideten ihn darum, erst recht, als er mit sechzehn das erste Mädchen mit in ‚seine Wohnung‘ nahm.

Das Geld, das er von seinen Eltern bekam, war abgezählt, aber großzügig bemessen. Nach dem Abitur arbeitete er neben dem Studium bei seinem Vater in der Fabrik als Springer. Natürlich wurde er dafür bezahlt wie ein Ingenieur, schließlich war der Vater stolz auf seinen fleißigen Jungen.

Mit zwanzig kaufte er sich einen fast zehn Jahre alten Alfa Spider mit nachträglich eingebauter Notsitzbank. Mit einundzwanzig bekam er zum Geburtstag einen neuen Porsche. Den Spider schenkte er seinem besten Freund Dieter. Jetzt gingen sie zu zweit ‚Chicks klarmachen’ und waren dabei überaus erfolgreich.

Jonathans Mutter versuchte manchmal, auf ihn einzuwirken: Du musst bescheidener sein, Junge, mahnte sie ihn. Sei netter zu den Mädchen, du spielst nur mit ihnen. Meistens lachte er sie aus, setzte sich in den Porsche, fuhr mit quietschenden Reifen vom Hof und ließ sie ratlos zurück.

Es war Samstag. Wie jedes Wochenende traf Jonathan sich mit Dieter. Vor ihrer Stammdisko zogen sie etwas Speed und tranken ein paar Bier. Die Mädchen warteten nicht, bis sie hineingingen. Laut albernd drängten sie sich um den Porsche und den Alfa und ließen dabei nichts aus, um auf sich aufmerksam zu machen. Dieter reichte einer Brünetten sein Bier. Sie hatten immer Bier im Kofferraum. Das Mädchen trank aus der Flasche und sah ihn kokettierend dabei an.

Joe, wie Jonatan sich selbst nannte, war noch in der Auswahlphase. Er wusste nicht, ob er die Blondine mit dem gigantischen Busen oder deren etwas schüchterne zierliche Freundin mit hinein nehmen sollte. Die hatte zwar eine kaum sichtbare Oberweite, aber dafür Lippen wie überreife Kirschen.

Dieter merkte, was mit ihm los war. „Nimm sie beide, Joe“, zwinkerte er ihm zu. „Sonst gibt es bloß Streit.“

Jonatan grinste. Zu fünft gingen sie hinein.

Der Abend verlief wie die meisten Samstage. Sie tranken, tanzten, zogen hin und wieder Speed. Dieter verschwand für eine Weile mit der Brünetten nach draußen. Verschwitzt und alleine kam er zurück. Auch das war immer so.

Joe selbst hatte im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun. Die beiden Freundinnen übertrafen sich geradezu in der Balz um ihn. Die Blondine drückte ihm ihren Busen ins Kreuz, als sie sich von hinten an ihn schmiegte, Kirschmund ließ sich von ihm mit Bier tränken. Er hielt ihr die Flasche an die Lippen, feine Rinnsale liefen ihr beim Trinken aus den Mundwinkeln, sie lachte und wischte sich mit der Hand das schmale Kinn trocken. Mit jedem Schluck wurde sie lockerer. Plötzlich flüsterte sie: „Sollen wir rausgehen?“

Joe sah zu Dieter. Der nickte, sollte heißen: Ich kümmere mich solange um die Blonde.

Joe grinste, deutete Kirschmund an, sie solle vorgehen, wartete selbst noch ein paar Augenblicke und folgte ihr dann. Als er rauskam, lehnte sie an seinem Wagen.

Auf dem Parkplatz war die Hölle los. Kirschmund sagte: „Lass uns etwas rumfahren.“

„Klar“, lächelte Joe.

Sie fuhren ein kleines Stückchen Landstraße. Nicht weit entfernt gab es ein Waldstück mit einem Parkplatz für Spaziergänger. Tagsüber herrschte hier rege Betriebsamkeit, aber jetzt waren sie alleine.

Joe ließ sich nicht lange Zeit damit, den Kirschmund näher zu erforschen. Zunächst machte das Mädchen mit. Erst als er ihr an die Wäsche ging, fing sie mit einem Mal an rumzuzicken. „Was willst du denn?“, ärgerte er sich. „Deshalb sind wir doch hier.“

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Das geht alles so schnell.“

„Bist du etwa noch Jungfrau oder was?“

Sie schmollte: „Ich dachte, du magst mich.“

Joe atmete tief durch. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt.

Sei netter zu den Mädchen, hörte er seine Mutter von irgendwoher sagen. Vielleicht hilft das ja, dachte er, und streichelte Kirschmunds Wange. „Natürlich mag ich dich. Sehr sogar. Ich will doch auch nur ein bisschen schmusen.“

Sie sah ihn verlegen an. „Das war mir aber eben mehr vorgekommen als ein bisschen.“

„Sei nicht so“, raunte er. „Ich mache nichts, was du nicht möchtest.“ Dann küsste er sie wieder.

Zunächst war sie ziemlich zurückhaltend, aber nach und nach ging sie mit, ließ sich von ihm streicheln, wehrte sich auch nicht, als er unter ihr T-Shirt fasste. „Lass uns nach draußen gehen“, flüsterte er. „Der Porsche ist zu eng.“

Sie fanden eine Wiese und suchten eine bequeme Stelle. Es war nicht leicht, die zu finden. Überall lagen große, scharfkantige Steine. Dann aber hatten sie einen guten Platz und Joe konnte seiner Gier nach dem Mädchen endlich freien Lauf lassen.

Diesmal war er nicht so zimperlich wie im Wagen. Kirschmund wehrte sich, er hielt sie fest, keuchte: „Du willst es doch auch“, platzte fast vor Erregung. Sie strampelte unter ihm, schrie. Niemand konnte es hören, sie waren ja allein, das Speed heizte ihn an, ihre kleinen Titten heizten ihn an, lagen zitternd vor ihm, es war kalt, ihm war heiß, er nahm ihre Nippel zwischen seine Finger und drückte zu, Kirschmunds Schreie machten ihn noch wilder, er streifte ihren Minirock hoch, zerrte ihr die Unterhose vom Leib, öffnete seine Hosen, schob sie über seine Hüften, Kirschmunds Strampeln wurde energischer. Sie versuchte, ihn von sich zu stemmen. Er wollte ihre Hände festhalten, aber es gelang ihr, sich loszureißen. Plötzlich hielt sie einen dieser verdammten Steine in der Hand und schlug ihm damit ins Kreuz. Er entriss ihr den Stein. War wütend. Nie zuvor hatte eine Frau gewagt, ihn zu schlagen. Nie!

Arme, die sonst schwere Eisenteile trugen, ließen den Stein auf ihren Kopf niederfahren. Ihr Schädel brach knackend. Dann hörte sie auf zu strampeln. Ihre Brüste zitterten nicht mehr.

Dieter war ziemlich besoffen. Er tanzte mit der Blondine, die mindestens genauso voll war wie er. Joe bestellte sich ein Bier und einen Whiskey. Als er ausgetrunken hatte, winkte er Dieter von der Tanzfläche. „Lass uns gehen. Die Alte bringt‘s nicht.“

„Nee, die is‘ nich‘ von hier“, lallte Dieter mit schwerer Zunge. „Die pack ich heut noch. Wer weiß, ob sie noch ma‘ wiederkommt.“ Seine Augen glänzten.

Morgen würde er sich wieder an nichts erinnern, dachte Joe genervt. Aber die Blondine würde ihre Freundin vermissen.

Mit einer Flasche Whiskey, Dieter auf dem Beifahrersitz und der Blondine auf der Notsitzbank des Alfa fuhr Joe zu dem Waldparklatz zurück. Dieter und das Mädchen tranken wie die Wahnsinnigen. Bis sie ankamen, war die Flasche halb leer. Dieter schaffte es nicht mehr aus dem Wagen.

Joe zeigte der Blondine die Wiese. Sie lachte laut, sang irgendein scheiß Lied, Minnie the Moocher oder so, legte sich hin und sah ihn erwartungsvoll an. Er suchte sich einen geeigneten Stein, nahm ihn, lächelte: Stein, Blondine, Blondine, Stein. Dann er schlug zu. Zweimal. Sicher war sicher.

Endlich herrschte Schweigen.

Kurz später lag Dieter schlafend neben der Blondine, den Stein in der Hand.

Zu Fuß brauchte Jonatan fast zwei Stunden, bis er wieder an der Disko war. Noch immer war der Schuppen brechend voll. Auf dem Parkplatz ging es zu wie auf einem Jahrmarkt. Unbeobachtet im Gewirr der Besoffenen, dachte er und fand den Gedanken irgendwie amüsant. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Müde zog er die Gardinen zu. Im Kühlschrank stand noch etwas Gemüsesuppe. Er machte sie warm, schlürfte ein paar Löffel, rauchte einen Joint, trank zwei Whiskey und legte sich ins Bett. Erste Amseln zwitscherten, als er einschlief.

Gegen Mittag klopfte es an seiner Tür. Verschlafen machte er auf. Seine Mutter stand vor ihm und fragte: „Magst du mit uns essen? Ich habe Blumenkohl gemacht.“

„Bring mir was hoch“, verlangte er.

„Ist Dieter bei dir? Oder hast du ein Mädchen da?“

„Nein, Mama, und jetzt bring mir den scheiß Blumenkohl und lass mich in Ruhe.“

Seine Mutter würde sich nicht wundern, dass er so gereizt war. Nach einer langen, anstrengenden Nacht war er immer so.