Die Aufgabe, die ich mir heute gestellt hatte, lautete: Schreibe eine Geschichte unter Anregung von sechs Worten. Diese kamen nach einem kurzen Twitteraufruf:
@xjcg: Neoliberalismus
@sa7yr: Knochen
@coward23 Schweigen
@realer2k: Gardinen
@supodo: Gemüsesüppchen
@ichhebgleichab: Blumenkohl
Es gab noch weitere Worte, aber ich wollte versuchen, mit diesen sechs auszukommen. Die restlichen Worte kommen ins Wortdepot und finden sicher bald Verwendung
Danke an euch, die ihr mir so schnell geantwortet habt. Hier ist die Geschichte.
Nachtrag: Auf eine Anregung hin weise ich darauf hin, dass diese Geschichte für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet ist.
Geschichte aus sechs Worten
Neoliberal
Rückblickend hätte Jonatan seine Erziehung als eine Art Neoliberalismus beschrieben. Seine Eltern hatten in seine Entwicklung, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend eingegriffen, ihn ‚machen lassen‘, wie sein Vater es immer ausdrückte, ihn nicht kontrolliert und ihm keine größeren Grenzen auferlegt. Von Anfang an bewohnte er eine eigene Wohnetage. Als er sieben war, baute sein Vater sie zu einer vollständigen Wohnung aus, mit eigenem Badezimmer, Studierzimmer und sogar einer kleinen Küche. Seine Freunde beneideten ihn darum, erst recht, als er mit sechzehn das erste Mädchen mit in ‚seine Wohnung‘ nahm.
Das Geld, das er von seinen Eltern bekam, war abgezählt, aber großzügig bemessen. Nach dem Abitur arbeitete er neben dem Studium bei seinem Vater in der Fabrik als Springer. Natürlich wurde er dafür bezahlt wie ein Ingenieur, schließlich war der Vater stolz auf seinen fleißigen Jungen.
Mit zwanzig kaufte er sich einen fast zehn Jahre alten Alfa Spider mit nachträglich eingebauter Notsitzbank. Mit einundzwanzig bekam er zum Geburtstag einen neuen Porsche. Den Spider schenkte er seinem besten Freund Dieter. Jetzt gingen sie zu zweit ‚Chicks klarmachen’ und waren dabei überaus erfolgreich.
Jonathans Mutter versuchte manchmal, auf ihn einzuwirken: Du musst bescheidener sein, Junge, mahnte sie ihn. Sei netter zu den Mädchen, du spielst nur mit ihnen. Meistens lachte er sie aus, setzte sich in den Porsche, fuhr mit quietschenden Reifen vom Hof und ließ sie ratlos zurück.
Es war Samstag. Wie jedes Wochenende traf Jonathan sich mit Dieter. Vor ihrer Stammdisko zogen sie etwas Speed und tranken ein paar Bier. Die Mädchen warteten nicht, bis sie hineingingen. Laut albernd drängten sie sich um den Porsche und den Alfa und ließen dabei nichts aus, um auf sich aufmerksam zu machen. Dieter reichte einer Brünetten sein Bier. Sie hatten immer Bier im Kofferraum. Das Mädchen trank aus der Flasche und sah ihn kokettierend dabei an.
Joe, wie Jonatan sich selbst nannte, war noch in der Auswahlphase. Er wusste nicht, ob er die Blondine mit dem gigantischen Busen oder deren etwas schüchterne zierliche Freundin mit hinein nehmen sollte. Die hatte zwar eine kaum sichtbare Oberweite, aber dafür Lippen wie überreife Kirschen.
Dieter merkte, was mit ihm los war. „Nimm sie beide, Joe“, zwinkerte er ihm zu. „Sonst gibt es bloß Streit.“
Jonatan grinste. Zu fünft gingen sie hinein.
Der Abend verlief wie die meisten Samstage. Sie tranken, tanzten, zogen hin und wieder Speed. Dieter verschwand für eine Weile mit der Brünetten nach draußen. Verschwitzt und alleine kam er zurück. Auch das war immer so.
Joe selbst hatte im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun. Die beiden Freundinnen übertrafen sich geradezu in der Balz um ihn. Die Blondine drückte ihm ihren Busen ins Kreuz, als sie sich von hinten an ihn schmiegte, Kirschmund ließ sich von ihm mit Bier tränken. Er hielt ihr die Flasche an die Lippen, feine Rinnsale liefen ihr beim Trinken aus den Mundwinkeln, sie lachte und wischte sich mit der Hand das schmale Kinn trocken. Mit jedem Schluck wurde sie lockerer. Plötzlich flüsterte sie: „Sollen wir rausgehen?“
Joe sah zu Dieter. Der nickte, sollte heißen: Ich kümmere mich solange um die Blonde.
Joe grinste, deutete Kirschmund an, sie solle vorgehen, wartete selbst noch ein paar Augenblicke und folgte ihr dann. Als er rauskam, lehnte sie an seinem Wagen.
Auf dem Parkplatz war die Hölle los. Kirschmund sagte: „Lass uns etwas rumfahren.“
„Klar“, lächelte Joe.
Sie fuhren ein kleines Stückchen Landstraße. Nicht weit entfernt gab es ein Waldstück mit einem Parkplatz für Spaziergänger. Tagsüber herrschte hier rege Betriebsamkeit, aber jetzt waren sie alleine.
Joe ließ sich nicht lange Zeit damit, den Kirschmund näher zu erforschen. Zunächst machte das Mädchen mit. Erst als er ihr an die Wäsche ging, fing sie mit einem Mal an rumzuzicken. „Was willst du denn?“, ärgerte er sich. „Deshalb sind wir doch hier.“
Sie sah ihn aus großen Augen an. „Das geht alles so schnell.“
„Bist du etwa noch Jungfrau oder was?“
Sie schmollte: „Ich dachte, du magst mich.“
Joe atmete tief durch. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt.
Sei netter zu den Mädchen, hörte er seine Mutter von irgendwoher sagen. Vielleicht hilft das ja, dachte er, und streichelte Kirschmunds Wange. „Natürlich mag ich dich. Sehr sogar. Ich will doch auch nur ein bisschen schmusen.“
Sie sah ihn verlegen an. „Das war mir aber eben mehr vorgekommen als ein bisschen.“
„Sei nicht so“, raunte er. „Ich mache nichts, was du nicht möchtest.“ Dann küsste er sie wieder.
Zunächst war sie ziemlich zurückhaltend, aber nach und nach ging sie mit, ließ sich von ihm streicheln, wehrte sich auch nicht, als er unter ihr T-Shirt fasste. „Lass uns nach draußen gehen“, flüsterte er. „Der Porsche ist zu eng.“
Sie fanden eine Wiese und suchten eine bequeme Stelle. Es war nicht leicht, die zu finden. Überall lagen große, scharfkantige Steine. Dann aber hatten sie einen guten Platz und Joe konnte seiner Gier nach dem Mädchen endlich freien Lauf lassen.
Diesmal war er nicht so zimperlich wie im Wagen. Kirschmund wehrte sich, er hielt sie fest, keuchte: „Du willst es doch auch“, platzte fast vor Erregung. Sie strampelte unter ihm, schrie. Niemand konnte es hören, sie waren ja allein, das Speed heizte ihn an, ihre kleinen Titten heizten ihn an, lagen zitternd vor ihm, es war kalt, ihm war heiß, er nahm ihre Nippel zwischen seine Finger und drückte zu, Kirschmunds Schreie machten ihn noch wilder, er streifte ihren Minirock hoch, zerrte ihr die Unterhose vom Leib, öffnete seine Hosen, schob sie über seine Hüften, Kirschmunds Strampeln wurde energischer. Sie versuchte, ihn von sich zu stemmen. Er wollte ihre Hände festhalten, aber es gelang ihr, sich loszureißen. Plötzlich hielt sie einen dieser verdammten Steine in der Hand und schlug ihm damit ins Kreuz. Er entriss ihr den Stein. War wütend. Nie zuvor hatte eine Frau gewagt, ihn zu schlagen. Nie!
Arme, die sonst schwere Eisenteile trugen, ließen den Stein auf ihren Kopf niederfahren. Ihr Schädel brach knackend. Dann hörte sie auf zu strampeln. Ihre Brüste zitterten nicht mehr.
Dieter war ziemlich besoffen. Er tanzte mit der Blondine, die mindestens genauso voll war wie er. Joe bestellte sich ein Bier und einen Whiskey. Als er ausgetrunken hatte, winkte er Dieter von der Tanzfläche. „Lass uns gehen. Die Alte bringt‘s nicht.“
„Nee, die is‘ nich‘ von hier“, lallte Dieter mit schwerer Zunge. „Die pack ich heut noch. Wer weiß, ob sie noch ma‘ wiederkommt.“ Seine Augen glänzten.
Morgen würde er sich wieder an nichts erinnern, dachte Joe genervt. Aber die Blondine würde ihre Freundin vermissen.
Mit einer Flasche Whiskey, Dieter auf dem Beifahrersitz und der Blondine auf der Notsitzbank des Alfa fuhr Joe zu dem Waldparklatz zurück. Dieter und das Mädchen tranken wie die Wahnsinnigen. Bis sie ankamen, war die Flasche halb leer. Dieter schaffte es nicht mehr aus dem Wagen.
Joe zeigte der Blondine die Wiese. Sie lachte laut, sang irgendein scheiß Lied, Minnie the Moocher oder so, legte sich hin und sah ihn erwartungsvoll an. Er suchte sich einen geeigneten Stein, nahm ihn, lächelte: Stein, Blondine, Blondine, Stein. Dann er schlug zu. Zweimal. Sicher war sicher.
Endlich herrschte Schweigen.
Kurz später lag Dieter schlafend neben der Blondine, den Stein in der Hand.
Zu Fuß brauchte Jonatan fast zwei Stunden, bis er wieder an der Disko war. Noch immer war der Schuppen brechend voll. Auf dem Parkplatz ging es zu wie auf einem Jahrmarkt. Unbeobachtet im Gewirr der Besoffenen, dachte er und fand den Gedanken irgendwie amüsant. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause.
Müde zog er die Gardinen zu. Im Kühlschrank stand noch etwas Gemüsesuppe. Er machte sie warm, schlürfte ein paar Löffel, rauchte einen Joint, trank zwei Whiskey und legte sich ins Bett. Erste Amseln zwitscherten, als er einschlief.
Gegen Mittag klopfte es an seiner Tür. Verschlafen machte er auf. Seine Mutter stand vor ihm und fragte: „Magst du mit uns essen? Ich habe Blumenkohl gemacht.“
„Bring mir was hoch“, verlangte er.
„Ist Dieter bei dir? Oder hast du ein Mädchen da?“
„Nein, Mama, und jetzt bring mir den scheiß Blumenkohl und lass mich in Ruhe.“
Seine Mutter würde sich nicht wundern, dass er so gereizt war. Nach einer langen, anstrengenden Nacht war er immer so.