Archiv für die Kategorie „Kurzgeschichten“

“R8 – The Emu-Galaxy”

Donnerstag, 1. April 2010

Der Ferienbeginn hat viel Gutes, vor allem, dass die Straßen frei sind. Man kommt in Windeseile durch, ich für meinen Teil spare auf meinen etwa 10 Kilometern zur Arbeit schon mal 2 – 3 Minuten ein, nur leider werde ich bei so freien Straßen auch gerne leichtsinnig. So fuhr ich heute früh den Wagen warm, glitt bis zum Erreichen der erforderlichen 90 Grad gemütlich dahin und gab noch 5 Minuten drauf, damit auch das Öl seine Temperatur bekam. Ein roter Sportwagen begleitete mich auf meiner Fahrt, bis er irgendwann überholte, und – man mag dies als Charakterschwäche bezeichnen – ich Lust bekam, die Herausforderung anzunehmen.
Erst an einer Rechts-vor-Links-Kreuzung drängte ein anderer Wagen sich zwischen uns. Der trödelte mit einer so nervenaufreibenden Langsamkeit auf die kommende Ampel zu, dass diese umschaltete und mich von dem Sportwagen trennte.
Einmal angestachelt bin ich – Vernunft hin oder her – zu fast jedem Spaß bereit. Stört man mich dann, so ärgert mich das, und wenn es eine Möglichkeit gibt, trotz Störung den Spaß fortzusetzen, dann ergreife ich sie. 60 Sekunden Wartezeit erschienen mir nicht als zu lang, um den Roten wieder einzuholen.
Die Ampel führt auf eine 4-spurige Straße. 223 PS waren bereit, ihre Kraft zu entfalten. Ich gab Gas.
Bei 75 hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das ist etwa die Geschwindigkeit, ab der man einen Monat lang zu Fuß geht. Bei 100 hatte ich das mulmige Gefühl wieder abgelegt. Das ist die Geschwindigkeit, die ausreichen dürfte, um längere Zeit die Öffentlichen benutzen zu müssen. Schließlich hatte ich aufgeholt, bremste ab und lächelte meiner Herausforderung augenzwinkernd zu. Plötzlich erkannte ich auf der Straße einen Scheinwerferkegel, dessen Quelle sich über mir befinden musste. Ich schaute hinauf, konnte aber nichts erkennen. Der Fahrer des roten Sportwagens machte eine kreisende Handbewegung. Mit einem Mal sah ich Kufen vor mir, bremste zaghaft ab und blieb schließlich stehen, als ein Polizeihelikopter vor mir landete. Zwei Herren mit Helmen stiegen aus und kamen auf mich zu. Ich muss wohl nicht beschreiben, wie schlecht man sich in so einem Moment fühlt. Ich wurde aufgefordert, das Fenster herunterzulassen. Einer der Herren zog seinen Helm ab und grüßte mich mit: “Guten Morgen, Frau Winkelhock”, während der andere mein Kennzeichen über den Sprechfunk durchgab.
Ich lächelte verlegen.
“100 Kaemha innerorts”, konstatierte mein Gesprächspartner. “Ziemlich progressiver Fahrstil.”
“Höchstens 70″, versuchte ich, aus dieser Nummer herauszukommen, “Echt jetzt.”
Noch ehe der Polizist etwas sagen konnte, trat sein Kollege neben ihn und flüsterte ihm etwas zu. Da begann er, breit zu grinsen. “Glückwunsch, meine Liebe. Das scheint ja heute wirklich Ihr Tag zu sein.” Er öffnete meine Autotür. “Wenn Sie bitte aussteigen würden?”
Mit zitternden Beinen verließ ich meinen Wagen.
Ich wurde zum Hubschrauber gebracht. “Bitteschön”, sagte der Polizist und zeigte auf den linken hinteren Sitz.
Ich nahm Platz. Die beiden Polizisten auch. Sie schnallten sich an, der Polizist, der mit mir gesprochen hatte, setzte seinen Helm wieder auf, die Türen wurden geschlossen. Wie eine Aufnahme meiner Personalien sah das nicht aus. Also schnallte auch ich mich an. Schon hob der Helikopter ab.
Wir flogen über die Stadt Richtung Nordost, dann Richtung Schwäbische Alb. Ich sah Städte und Dörfer unter mir auftauchen und wieder verschwinden. Es ist unglaublich schwer, von oben zu erkennen, wo man sich gerade befindet. Nach knapp 2 Stunden setzte der Hubschrauber in der Nähe einer größeren Stadt auf einem brachliegenden Feld auf. Erst jetzt drehten sich die beiden Polizisten wieder um. “Geht es Ihnen gut?”
Ich nickte.
“Wunderbar, dann können Sie sich jetzt abschnallen.”
Sie halfen mir aus dem Hubschrauber.
Die beiden zogen ihre Helme aus, öffneten die Reisverschlüsse ihrer Kombis, und ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass sie darunter T-Shirts trugen, auf deren linker Brustseite vier unscheinbare silberne Ringe aufgestickt waren. Sie bedeuteten mir mitzukommen und wir gingen zu einem Waldstück.
Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich hatte keine Ahnung, was die beiden im Sinn hatten, aber wegzulaufen schien mir unmöglich. Ich kann zwar schnell fahren, bin aber ein sportlicher Totalausfall, und sie hätten mich schon nach wenigen Metern eingeholt gehabt.
Gleich hinter dem Waldrand erreichten wir eine Falltür und stiegen einen dunklen, schmalen Schacht hinab. Es ging etwa 20 Meter in die Tiefe. Eine schwere Stahltür, ähnlich wie auf einem Schiff, versperrte uns den Weg. Einer der Männer öffnete sie. Dahinter lag eine hell beleuchtete, gewaltige Halle. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen.
Vor mir stand – mit laufendem Motor – ein Traum in Silber. Ich flüsterte ehrfürchtig: “Ist das ein LMS?”
“5,2-Liter V10-Saugmotor. 370 kw”, hob der Mann, der mit mir sprach, auffordernd die Brauen.
Ungläubig näherte ich mich dem Wagen. Ich streichelte seine wundervoll geschwungenen Kotflügel, sah ihm in die leuchtenden Scheinwerferaugen, und das Auto raunte: “Steig ein.”
Die beiden Männer nickten lächelnd.
Ich öffnete die Fahrertür und ließ mich in den schwarzen Ledersitz sinken, jeden Augenblick in mich aufsaugend, nie mehr wollte ich diese Momente vergessen. Dann legte ich den ersten Gang ein, gab ein wenig Gas und wir rollten langsam los. Die beiden Männer hoben die Daumen hoch.
Die Halle war einige hundert Meter lang und breit genug, um ein paar schöne Runden zu drehen. Ich gab Gas, schaltete in den zweiten Gang, dann in den dritten, den vierten, fünften … Plötzlich tat sich die Halle vor mir auf, eine hell funkelnde Straße formte sich aus dem Nichts, ich beschleunigte, es drückte mich in den Sitz, der Motor röhrte so schön, dass ich vor Glück fast weinte, der Heckantrieb schob uns mit atemberaubender Geschwindigkeit die ansteigende Traumstraße empor und ich hatte das Gefühl zu fliegen.
Augenblicke später entdeckten Astronomen weltweit einen neuen Sternenhaufen am Nordhimmel “Looks like an Audi R8″, meinte ein Astronom im Kontrollgebäude des VLT. “Yes, with an Emu riding it”, schmunzelte sein Kollege.
Und sie nannten ihn “R8 – The Emu-Galaxy”.

Champagnerlaune

Freitag, 4. Dezember 2009

Heute gibts nur Erlesenes.

Hört! Hört! Champagnerlaune

Hexenkreis

Montag, 2. November 2009

Ich denke, es wird mal wieder Zeit für eine Kurzgeschichte. Viel Spaß damit.

Hexenkreis

Die Augen konzentriert auf den laubbedeckten Boden gerichtet, fast schon blind vom Gelb und Rot und Braun der Blätter, von dem sich die ebenso gelben und rötlichen und braunen Pilzkappen kaum unterscheiden, wenn sie nicht schon über den Blätterteppich hinausragen und nur die weißen sich durch ihr helles Schimmern verraten, stapfe ich seit Stunden durch den Herbstwald, alleine, nur Bäume, Vögel, Krabbeltierchen und ich, und spüre den schwer gewordenen Korb in meinen Arm schneiden, mir sagen, dass es genug ist für heute, dass ich noch Stunden damit beschäftigt sein werde, die ganzen Pilze zu waschen, kleinzuschneiden und dann einzumachen, und dass ich mit jeder Stunde, die ich weiter verstreichen lasse, den Würmern nur noch mehr Zeit gebe, sich weiter in das Pilzfleisch zu bohren, bis hinauf in die Kappen ihre braunen Bahnen zu ziehen, die sie allein mit ihren gefräßgen Mäulern schaffen und nicht aufgeben, obwohl sie schon jetzt dem Tod geweiht sind, jenem unvermeidlichen Wurmtod, der sie unbarmherzig in meiner Küche ereilen wird, heimsuchen in Form meines Messers, jeden einzelnen von ihnen werde ich bis in die Ränder der Pilzhüte verfolgen dort herausschälen, das Fleisch der Frucht von ihnen reinigen, befreien und dabei große Freude empfinden, auch wenn ihnen das kochende Wasser ohnehin ihr Ende bereiten würde, aber wer will schon Würmer essen, bzw. wer will schon wissen, dass er Würmer isst, und da außer mir von diesen Pilzen niemals jemand kosten wird, ist es wichtiger als alles andere, die Würmer zu entfernen, denn andernfalls würde ich mich nicht überwinden können, diese Pilze zu essen, wobei ich eigentlich gar keine Pilze mag, ich sammle sie nur gerne, und alles was dann kommt, das Säubern, das Zubereiten, das Haltbarmachen und schließlich der Verzehr, habe ich mir nur deshalb zur Pflicht gemacht, weil ich gelernt habe, Lebensmittel nach Möglichkeit niemals wegzuwerfen, so, wie ich auch bewusst mit Energie umgehe und selbst meine Gefühle nicht vergeude, was letztendlich vermutlich der Grund ist, warum ich nun schon seit so vielen Jahren alleine lebe, ohne Aussicht auf Änderung, ohne Hoffnung auf ein Herz, das sich für mich erwärmen mag, bin ich doch bekannt für meine Schrulligkeit und gefürchtet wegen meiner Sparsamkeit, meinem Geiz, wie die Leute sagen, dabei bin ich gar nicht geizig, ich gebe nur nichts aus für Dinge, die ich nicht benötige und brauche im Grunde nicht viel um zu leben, weswegen ich ein gutes Auskommen mit der kleinen Rente habe, die mir seit einigen Jahren überwiesen wird und von der ich nur wenig für Medizin oder sonstige lebensnotwendige Dinge verbrauche, schließlich bin ich nur äußerst selten krank, vermutlich, weil ich mich abgehärtet habe, im Winter nur wenig heize, mich mit kaltem Wasser wasche und außer selbstgepflückten Kräutertees und Wasser aus dem Bergbach nichts trinke, keine Limonaden, keinen Alkohol und keinen Kaffee, denn Kaffeebohnen wachsen hier nicht, im Gegensatz zu dem Tabak, den ich für mich anbaue, und dessen Ernte mir ein Jahr lang reicht, um mir, geschnitten und in Zeitungspapier gerollt, gelegentlich ein kleines Vergnügen zu bereiten, vielleicht das einzige außer dem Pilzesammeln und Würmertöten und dem Gärtnern in meinem Gemüsebeet, dessen Erträge ausreichen, um selbst einen langen Winter gut überdauern und das mir nicht so viel Mühe macht wie das Holzhacken, das Pumpen des Wassers aus meinem vor vielen Jahren selbstgegrabenen Brunnen oder das Waschen meiner wenigen Kleidungsstücke im eiskalten Bach, der neben meiner Holzhütte entlangläuft, wegen dem ich sie überhaupt genau an diesem Platz errichtet habe und nicht, wie manche im Dorf behaupten, weil du unter ihrem Fundament liegst, seit du vor fünfzehn Jahren plötzlich verschwunden warst, einfach nicht mehr nach Hause kamst nach deinem letzten Kneipengang, einem von hunderten, unser ganzes Geld hast du in das Wirtshaus getragen, es verspielt, versoffen, in den weiten, prall gefüllten Ausschnitt der Wirtin gesteckt, sauer verdientes Geld das ich mit meinen Händen und im Schweiße meines Angesichts erarbeitet habe, denn du hast ja lang schon nicht mehr gearbeitet, warst Frührentner, nachdem der Riegerbauer dich bei der Weizenernte betrunken mit dem Traktor über den Haufen gefahren hat und du den rechten Arm verlorst, zu Saufen begannst und das Unglück, in dessen Folge wir uns auseinanderlebten, seinen Lauf nahm, ich deine Welt nicht mehr verstand und du meine nicht mehr betreten wolltest, bis ich nicht mehr konnte und es an jenem Abend tat, aber ich habe dich nicht erschlagen und unter der Hütte verscharrt, wie manche Leute behaupteten, sondern im Bach ersäuft, und du hast dich gewunden, hast einfach nicht verrecken wollen, dabei warst du so besoffen, dass ich dachte, es würde ganz schnell gehen, doch du hast gezappelt, um dich geschlagen wie wahnsinnig, bis dann endlich dein Schlagen zu einem Zucken verkam, die Kraft aus dir floss und mit dem Bach davonrann und irgendwann deine wütenden Arme leblos zu Boden sanken, jenen laubbedeckten, Schreie schluckenden Boden, in dem dich später die Würmer gefressen haben, nicht weit von hier, die Stelle habe ich mit einem Kabelbinder markiert, ihn um den Zweig eines Strauches gebunden, und manchmal gehe ich noch dorthin, nur um ein bisschen bei dir zu sein und auf dich zu schimpfen, weil du mir unser Leben zerstört hast, mich einsperrtest in dieser Hölle von einer Ehe, aus der ich nur hätte entkommen können, wenn ich mich umgebracht hätte, das hast du mir jedenfalls immer vorgeschlagen, anders, so hast du gesagt, würde ich dich nicht los, aber da hast du dich getäuscht, und auch wenn ich nie mehr glücklich geworden bin, so gehe ich doch heute hier Pilze suchen und du lieferst ihren Nährboden, und da, wo du liegst, wächst seit Jahren ein Hexenkreis.

Geschichte aus sechs Worten

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Die Aufgabe, die ich mir heute gestellt hatte, lautete: Schreibe eine Geschichte unter Anregung von sechs Worten. Diese kamen nach einem kurzen Twitteraufruf:

@xjcg: Neoliberalismus

@sa7yr: Knochen

@coward23 Schweigen

@realer2k: Gardinen

@supodo: Gemüsesüppchen

@ichhebgleichab: Blumenkohl

Es gab noch weitere Worte, aber ich wollte versuchen, mit diesen sechs auszukommen. Die restlichen Worte kommen ins Wortdepot und finden sicher bald Verwendung :-)

Danke an euch, die ihr mir so schnell geantwortet habt. Hier ist die Geschichte.

Nachtrag:  Auf eine Anregung hin weise ich darauf hin, dass diese Geschichte für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet ist.

Geschichte aus sechs Worten

Neoliberal

Rückblickend hätte Jonatan seine Erziehung als eine Art Neoliberalismus beschrieben. Seine Eltern hatten in seine Entwicklung, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend eingegriffen, ihn ‚machen lassen‘, wie sein Vater es immer ausdrückte, ihn nicht kontrolliert und ihm keine größeren Grenzen auferlegt. Von Anfang an bewohnte er eine eigene Wohnetage. Als er sieben war, baute sein Vater sie zu einer vollständigen Wohnung aus, mit eigenem Badezimmer, Studierzimmer und sogar einer kleinen Küche. Seine Freunde beneideten ihn darum, erst recht, als er mit sechzehn das erste Mädchen mit in ‚seine Wohnung‘ nahm.

Das Geld, das er von seinen Eltern bekam, war abgezählt, aber großzügig bemessen. Nach dem Abitur arbeitete er neben dem Studium bei seinem Vater in der Fabrik als Springer. Natürlich wurde er dafür bezahlt wie ein Ingenieur, schließlich war der Vater stolz auf seinen fleißigen Jungen.

Mit zwanzig kaufte er sich einen fast zehn Jahre alten Alfa Spider mit nachträglich eingebauter Notsitzbank. Mit einundzwanzig bekam er zum Geburtstag einen neuen Porsche. Den Spider schenkte er seinem besten Freund Dieter. Jetzt gingen sie zu zweit ‚Chicks klarmachen’ und waren dabei überaus erfolgreich.

Jonathans Mutter versuchte manchmal, auf ihn einzuwirken: Du musst bescheidener sein, Junge, mahnte sie ihn. Sei netter zu den Mädchen, du spielst nur mit ihnen. Meistens lachte er sie aus, setzte sich in den Porsche, fuhr mit quietschenden Reifen vom Hof und ließ sie ratlos zurück.

Es war Samstag. Wie jedes Wochenende traf Jonathan sich mit Dieter. Vor ihrer Stammdisko zogen sie etwas Speed und tranken ein paar Bier. Die Mädchen warteten nicht, bis sie hineingingen. Laut albernd drängten sie sich um den Porsche und den Alfa und ließen dabei nichts aus, um auf sich aufmerksam zu machen. Dieter reichte einer Brünetten sein Bier. Sie hatten immer Bier im Kofferraum. Das Mädchen trank aus der Flasche und sah ihn kokettierend dabei an.

Joe, wie Jonatan sich selbst nannte, war noch in der Auswahlphase. Er wusste nicht, ob er die Blondine mit dem gigantischen Busen oder deren etwas schüchterne zierliche Freundin mit hinein nehmen sollte. Die hatte zwar eine kaum sichtbare Oberweite, aber dafür Lippen wie überreife Kirschen.

Dieter merkte, was mit ihm los war. „Nimm sie beide, Joe“, zwinkerte er ihm zu. „Sonst gibt es bloß Streit.“

Jonatan grinste. Zu fünft gingen sie hinein.

Der Abend verlief wie die meisten Samstage. Sie tranken, tanzten, zogen hin und wieder Speed. Dieter verschwand für eine Weile mit der Brünetten nach draußen. Verschwitzt und alleine kam er zurück. Auch das war immer so.

Joe selbst hatte im wahrsten Sinn des Wortes alle Hände voll zu tun. Die beiden Freundinnen übertrafen sich geradezu in der Balz um ihn. Die Blondine drückte ihm ihren Busen ins Kreuz, als sie sich von hinten an ihn schmiegte, Kirschmund ließ sich von ihm mit Bier tränken. Er hielt ihr die Flasche an die Lippen, feine Rinnsale liefen ihr beim Trinken aus den Mundwinkeln, sie lachte und wischte sich mit der Hand das schmale Kinn trocken. Mit jedem Schluck wurde sie lockerer. Plötzlich flüsterte sie: „Sollen wir rausgehen?“

Joe sah zu Dieter. Der nickte, sollte heißen: Ich kümmere mich solange um die Blonde.

Joe grinste, deutete Kirschmund an, sie solle vorgehen, wartete selbst noch ein paar Augenblicke und folgte ihr dann. Als er rauskam, lehnte sie an seinem Wagen.

Auf dem Parkplatz war die Hölle los. Kirschmund sagte: „Lass uns etwas rumfahren.“

„Klar“, lächelte Joe.

Sie fuhren ein kleines Stückchen Landstraße. Nicht weit entfernt gab es ein Waldstück mit einem Parkplatz für Spaziergänger. Tagsüber herrschte hier rege Betriebsamkeit, aber jetzt waren sie alleine.

Joe ließ sich nicht lange Zeit damit, den Kirschmund näher zu erforschen. Zunächst machte das Mädchen mit. Erst als er ihr an die Wäsche ging, fing sie mit einem Mal an rumzuzicken. „Was willst du denn?“, ärgerte er sich. „Deshalb sind wir doch hier.“

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Das geht alles so schnell.“

„Bist du etwa noch Jungfrau oder was?“

Sie schmollte: „Ich dachte, du magst mich.“

Joe atmete tief durch. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt.

Sei netter zu den Mädchen, hörte er seine Mutter von irgendwoher sagen. Vielleicht hilft das ja, dachte er, und streichelte Kirschmunds Wange. „Natürlich mag ich dich. Sehr sogar. Ich will doch auch nur ein bisschen schmusen.“

Sie sah ihn verlegen an. „Das war mir aber eben mehr vorgekommen als ein bisschen.“

„Sei nicht so“, raunte er. „Ich mache nichts, was du nicht möchtest.“ Dann küsste er sie wieder.

Zunächst war sie ziemlich zurückhaltend, aber nach und nach ging sie mit, ließ sich von ihm streicheln, wehrte sich auch nicht, als er unter ihr T-Shirt fasste. „Lass uns nach draußen gehen“, flüsterte er. „Der Porsche ist zu eng.“

Sie fanden eine Wiese und suchten eine bequeme Stelle. Es war nicht leicht, die zu finden. Überall lagen große, scharfkantige Steine. Dann aber hatten sie einen guten Platz und Joe konnte seiner Gier nach dem Mädchen endlich freien Lauf lassen.

Diesmal war er nicht so zimperlich wie im Wagen. Kirschmund wehrte sich, er hielt sie fest, keuchte: „Du willst es doch auch“, platzte fast vor Erregung. Sie strampelte unter ihm, schrie. Niemand konnte es hören, sie waren ja allein, das Speed heizte ihn an, ihre kleinen Titten heizten ihn an, lagen zitternd vor ihm, es war kalt, ihm war heiß, er nahm ihre Nippel zwischen seine Finger und drückte zu, Kirschmunds Schreie machten ihn noch wilder, er streifte ihren Minirock hoch, zerrte ihr die Unterhose vom Leib, öffnete seine Hosen, schob sie über seine Hüften, Kirschmunds Strampeln wurde energischer. Sie versuchte, ihn von sich zu stemmen. Er wollte ihre Hände festhalten, aber es gelang ihr, sich loszureißen. Plötzlich hielt sie einen dieser verdammten Steine in der Hand und schlug ihm damit ins Kreuz. Er entriss ihr den Stein. War wütend. Nie zuvor hatte eine Frau gewagt, ihn zu schlagen. Nie!

Arme, die sonst schwere Eisenteile trugen, ließen den Stein auf ihren Kopf niederfahren. Ihr Schädel brach knackend. Dann hörte sie auf zu strampeln. Ihre Brüste zitterten nicht mehr.

Dieter war ziemlich besoffen. Er tanzte mit der Blondine, die mindestens genauso voll war wie er. Joe bestellte sich ein Bier und einen Whiskey. Als er ausgetrunken hatte, winkte er Dieter von der Tanzfläche. „Lass uns gehen. Die Alte bringt‘s nicht.“

„Nee, die is‘ nich‘ von hier“, lallte Dieter mit schwerer Zunge. „Die pack ich heut noch. Wer weiß, ob sie noch ma‘ wiederkommt.“ Seine Augen glänzten.

Morgen würde er sich wieder an nichts erinnern, dachte Joe genervt. Aber die Blondine würde ihre Freundin vermissen.

Mit einer Flasche Whiskey, Dieter auf dem Beifahrersitz und der Blondine auf der Notsitzbank des Alfa fuhr Joe zu dem Waldparklatz zurück. Dieter und das Mädchen tranken wie die Wahnsinnigen. Bis sie ankamen, war die Flasche halb leer. Dieter schaffte es nicht mehr aus dem Wagen.

Joe zeigte der Blondine die Wiese. Sie lachte laut, sang irgendein scheiß Lied, Minnie the Moocher oder so, legte sich hin und sah ihn erwartungsvoll an. Er suchte sich einen geeigneten Stein, nahm ihn, lächelte: Stein, Blondine, Blondine, Stein. Dann er schlug zu. Zweimal. Sicher war sicher.

Endlich herrschte Schweigen.

Kurz später lag Dieter schlafend neben der Blondine, den Stein in der Hand.

Zu Fuß brauchte Jonatan fast zwei Stunden, bis er wieder an der Disko war. Noch immer war der Schuppen brechend voll. Auf dem Parkplatz ging es zu wie auf einem Jahrmarkt. Unbeobachtet im Gewirr der Besoffenen, dachte er und fand den Gedanken irgendwie amüsant. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Müde zog er die Gardinen zu. Im Kühlschrank stand noch etwas Gemüsesuppe. Er machte sie warm, schlürfte ein paar Löffel, rauchte einen Joint, trank zwei Whiskey und legte sich ins Bett. Erste Amseln zwitscherten, als er einschlief.

Gegen Mittag klopfte es an seiner Tür. Verschlafen machte er auf. Seine Mutter stand vor ihm und fragte: „Magst du mit uns essen? Ich habe Blumenkohl gemacht.“

„Bring mir was hoch“, verlangte er.

„Ist Dieter bei dir? Oder hast du ein Mädchen da?“

„Nein, Mama, und jetzt bring mir den scheiß Blumenkohl und lass mich in Ruhe.“

Seine Mutter würde sich nicht wundern, dass er so gereizt war. Nach einer langen, anstrengenden Nacht war er immer so.